Literatur

Ansichten eines Einzelgängers

Hans-Ulrich Treichel schreibt unermüdlich über antriebsschwache, aber liebenswürdige Berliner

Franz hat die Lösung gegen die Verpflichtungen des Lebens gefunden, und sie lautet „übermorgen“. Etwas morgen zu erledigen, ist bedrohlich konkret, übermorgen hingegen ist beruhigend entfernt. Wer weiß schon, was übermorgen sein wird? Denn eigentlich plant Franz, seine Mutter ab sofort täglich im Krankenhaus besuchen. „Ich wollte ab morgen jeden Tag ins Krankenhaus gehen. Ich konnte genauso gut ab übermorgen jeden Tag ins Krankenhaus gehen.“ Fast unnötig zu erwähnen, dass er seine Mutter nicht täglich besucht hat. Sondern unregelmäßig. Und auch gern mal übermorgen.

Wobei Franz nicht gerade jeden Tag ein überfüllter Terminkalender erwartet. Er ist, wie wir dem Roman „Frühe Störung“ von Hans-Ulrich Treichel entnehmen, ein Mann, der „noch zu jung für die besten Jahre“, aber doch schon Mitte 40 ist und keiner geregelten Arbeit nachgeht. Verarmt ist er nicht, weil seine Eltern ja viel gearbeitet und auch viel verdient haben und er mit der Aussicht auf das Erbe lebt.

Müßiggang als Lebensziel und Lebensinhalt klingt nach Berlin. Und so ist es dann auch. Aufgewachsen ist Franz am Savignyplatz, heute lebt er in der Wiclefstraße in Moabit, seine Mutter am Rüdesheimer Platz. Dort sieht es „aus zugleich wie in einem Baden-Württembergischen Kurort oder auch Rheingauer Kurort“. Und, mit dieser Mutmaßung könnte Franz recht haben, „so würde es auch immer bleiben“.

Leben in der Warteschleife

Hans-Ulrich Treichel, der am Leipziger Literaturinstitut lehrt, ist ein fleißiger Chronist des Berliner Lebens. Im Vorgängerroman „Grunewaldsee“ beobachtete er den jüngeren Paul in seinen Studentenjahren. Paul hat im Vergleich zu Franz einen ausgeprägteren Sexualtrieb, aber auch er ist eher einzelgängerisch, beobachtend, stets in einer Warteschleife, den Mittelpunkt und das Drama meidend. Das Leben zieht an ihnen vorüber. Trägheit und Gewohnheit hält ihre Welt zusammen.

Und so passt es auch, dass der Osten der Stadt in den Büchern so gar nicht vorkommt. Die Wiedervereinigung ändert das Leben aller Berliner, dachte man, aber in West-Berlin gelang es doch erstaunlich lang, die Uhr anzuhalten. Es gab ja dann auch Änderungen. Übermorgen.

Hans-Ulrich Treichel ist die West-Berliner-Melancholie vertraut: „Man fühlte sich am Nabel der Welt, an der Nahtstelle West und Ost und der großen Konflikte“, hat er vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt. Er, der aus dem westfälischen Versmold stammt, konnte „sich einbilden, kein Provinzler mehr zu sein“. Manchmal vermisse er das, „nur war es natürlich eine Illusion, und man kann jetzt auch nicht wegen seines eigenen Lebensgefühls die Mauer wieder errichten“.

Aber man kann zumindest so tun, als sei die Mauer noch da. „Aggressive Idyllen in Berlin Mitte, wo man von Fahrradfahrern über den Haufen gefahren“ wird, das ist die einzige Referenz, die sich Ich-Erzähler Franz über den Osten Berlins erlaubt. Franz ist ein Eigenbrötler und ein Laberkopf und springt mühelos von einem Thema zum anderen. Er kann mit seinem Redefluss dem Leser auf die Nerven gehen. Und auf den ersten 30 Seiten ist man versucht, das Buch ein für allemal zur Seite zu legen.

Was ein Fehler gewesen wäre. Franz, so kauzig er ist, ist ein vertrautes Geschöpf. Er ist ein bisschen boshaft, ein bisschen mutig, ein bisschen selbstverliebt undsoweiter. Er ist kein spektakulärer Typ, wirklich in keiner Hinsicht, und doch nicht so durchschnittlich und durchschaubar, dass er zum Stereotypen des Biedermanns wird. Und er entwickelt eine Komik, die man ihm am Anfang nicht zugetraut hätte.

Das Buch fängt mit einer Therapiesitzung an, Franz hat ein Mutterproblem. Er ist fixiert auf sie, er möchte ein guter Sohn sein, aber das Bemühen hat auch seinen Preis. Er musste dem Mittagsschlaf der Mutter in seiner Kinder- und Jugendzeit im gleichen Bett beiwohnen und hat sich nichts mehr gewünscht, als eine Berührung mit ihrem warmen, dampfenden Körper zu vermeiden. Die Wohnung in Charlottenburg war in einem rechten Winkel angelegt, und seine Mutter „musste noch nicht einmal ihre eigenen Räume verlassen, sie brauchte einfach nur das Schlaf- oder auch Wohnzimmerfenster zu öffnen und über den Hof zu rufen, wenn sie etwas von mir wollte. Und sie wollte sehr oft etwas von mir.“

Es ist eine symbiotische Beziehung zwischen den beiden. Doch das Bild der Mutter wird im Laufe des Romans nicht eindeutiger. Man traut dem Erzähler Franz nicht über den Weg. Er hängt an ihr und wäre doch gerne ohne sie. Ist es Liebe oder ein Mangel an Arbeit, die ihn zu dieser zwanghaften Beschäftigung mit ihr verleitetet?

Sein Vater, ansonsten eine Nebenfigur in seinem Leben, hatte einen Großhandel für Modeschmuck. Das alles lief wunderbar und einträglich, bis die Globalisierung nach dem Fall der Grenzen einen neuen Schwung bekam. Der sogenannte asiatische Markt belieferte den der Welt mit billigsten Modeschmuck. „Was für manche Menschen der Russe war, das waren für meine Eltern die asiatischen Märkte.“ Der Vater stirbt am Herzinfarkt.

Was Franz an Fähigkeiten von ihm mitbekommen hat, ist nicht bekannt. Ein Macher ist er jedenfalls nicht. Er hat eine Zeit lang in einer Reiseredaktion gearbeitet, eine halbe Stelle, aber was heißt das schon? „Erfahrungsgemäß machen halbe Stellen immer mehr Arbeit, als sie machen sollten, und werden irgendwann zu Dreiviertelstellen, die die Tendenz haben, sich zu ganzen Stellen auszuwachsen, bei konstant halber Bezahlung allerdings.“

Später, als freier Journalist dann, hat er die Usancen der Branche durchschaut und weiß, dass sich eine Reiseredaktion doch all zu oft Artikel „abseits der touristischen Trampelpfade“ wünscht. So fährt er dorthin, wo bislang niemand hinwollte. Und muss feststellen, dass diese mangelnde Beachtung auch seinen guten Grund hatte. Denn Fiumicino bei Rom ist zu Recht nur als Flughafen bekannt und ansonsten „ein trauriges Nest“, in dem „das Tibetwasser übersät von Kondomen war, als beschäftigen sich die Einwohner Roms mit nichts anderem als mit der körperlichen Liebe und der Verhütung ihrer Folgen“.

Reiseführer für die Ängstlichen

Verfasst hat Franz „den ersten gesamtdeutschen Reiseführer über den Darß, aus meiner Feder! Eine Pioniertat, auf die ich noch immer stolz bin“. Ein Reiseführer mit immer wieder neuen Wiederauflagen garantiert stetige, wenn auch nicht gerade üppige Einnahmen. Und dann hat er noch eine kuriose Idee für einen weiteren Reiseführer und zwar für Menschen, die im Prinzip gern die Welt kennen lernen würden, jedoch finden, dass es es außerhalb der Heimat zu gefährlich ist.

„Einen Reiseführer für die Ängstlichen und Vorsichtigen“ möchte Franz schreiben, und zwar über Kalkutta. Drei Tage Kalkutta, so sein Kalkül, da könne man sich in Indien einen Virus einfangen und in Deutschland dann sofort auskurieren. Sein Verleger weist den Vorschlag brüsk zurück, niemand reise für drei Tage nach Indien.

Zuweilen ist Franz eine Karikatur eines Menschen, der sich in seinem Leben eingerichtet hat und doch immer wieder den wenig kontrollierten Ausbruch wagt. Er weiß, dass er zuweilen anstrengend ist, deshalb hat er ja auch einen Psychoanalytiker. „Glaubt man Sigmund Freud, dann hat die Psychoanalyse ja die Aufgabe, das neurotische Elend in ganz gewöhnliches Elend zu verwandeln“, denkt sich Franz.

Hans-Ulrich Treichel hat das gewöhnliche Elend wiederum in Literatur verwandelt.

Hans-Ulrich Treichel: Frühe Störung. Suhrkamp Verlag, 189 S., 18,95 Euro