Thriller

Massenkidnapping mit seltsamer Sonderbehandlung

Ein Mann ist auf dem Weg nach Hause. Er lebt auf der Schweizer Seite des Genfer Sees. Es ist ein sonniger Wintertag. Fast Weihnachten. Aber der Mann ist nicht in Stimmung.

Er notiert wütend in seinem Notizbuch, wer alles erschlagen werden sollte. Karin, seine bornierte Ehefrau. Jeannot, der Chauffeur, weil er die falsche Strecke gewählt hat, weshalb man einen Umweg hat fahren müssen. „Erschlag sie alle“, schreibt der Mann aufgebracht. Dann ist man da und selbstverständlich soll Jeannot am nächsten Morgen pünktlich sein, denn es geht zur Klinik in Genf, schließlich steht die Krebs-OP an - Routineeingriff, kein Grund, sich Sorgen zu machen. Aber die Haustür ist überraschenderweise unverschlossen und damit fängt der Albtraum an…

„30 Keller“ hat Stephan Kaluza seinen zweiten Roman genannt, der als „Finanzthriller und spannende Parabel auf unsere aus den Fugen geratene Gegenwart“ angekündigt wird. Zu Recht, denn der Mann, der da aus seinem Haus entführt und irgendwo in einen Keller gesperrt wird, ist ein vom Mehren seines Vermögens besessener Multimilliardär, der die Finanzmärkte manipuliert. Ein rücksichtsloser Midas, der sein Startkapital vor 50 Jahren geheiratet hat und diese Karin inzwischen böse „eine alte, zusammengenähte Frau“ nennt. Meisner, einen Vornamen erfährt der Leser nicht, findet sich also in einem Keller wieder. Die Möbel kommen ihm bekannt vor, das Porzellan ist dasselbe wie zu Hause, der kultivierte Aufpasser rührt dem Gefangenen ungefragt zwei Stück Zucker in den Kaffee, abends wird ihm sein Lieblingsessen serviert. Woher wissen sie das alles? Wer hat mit den Kidnappern gemeinsame Sache gemacht? Und warum verbirgt der Mann, der sich Ronaldo nennt, nicht sein Gesicht? „Sie haben gar nicht vor, mich hier lebend rauszulassen“, dämmert es Meisner.

Zehn Milliarden Dollar verlangen die Entführer. Das gesamte „Black Budget“. In diesem Zusammenhang erfährt Meisner, dass in 29 anderen Kellern 29 andere Männer festgehalten werden und dass es um eine Gesamtsumme von 300 Milliarden geht, die die Kidnapper in einer spektakulären Aktion im Meer versenken wollen. Was für ein cooler Krimi. Was für ein kalter Held. Was für ein mitleidsloses Buch. Die Auflösung ist raffiniert, Meisners Erlösung nicht vorgesehen. Die berühmte Stelle im Matthäus-Evangelium fällt einem ein: „Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?“ Und doch ist Meisner am Ende frei. Und es ist Weihnachten. Am Genfer See setzt überraschend Tauwetter ein.

Stephan Kaluza: 30 Keller. FVA, 128 S., 17,90 Euro