Kino

Vier Hochzeiten und ein Krisenfall

Frankreichs neuer Kinohit, eine Komödie der Toleranz: „Monsieur Claude und seine Töchter“

Natürlich muss man an „Nathan der Weise“ denken. An Lessings grundhumanistisches Drama über den Konflikt der Religionen. Und die berühmte Ringparabel von dem Mann im Osten und seinen drei Söhnen, die er alle drei gleich lieb hat, weshalb er nicht weiß, wem er seinen Ring geben, wen er zum Nachfolger ernennen soll. Wobei: In der Bearbeitung von George Tabori, „Nathans Tod“, setzt der große Weise an zur Parabel auf die drei Söhne, die stellvertretend für die drei Weltreligionen stehen. Aber dann wird ihm der Mund verboten – nichts ist es mit seinem Monolog.

Es ist, zugegeben, ein langer Gedankenweg von Lessings Drama zu dem französischen Kinohit des Jahres, der morgen auch bei uns startet und heute schon Premiere im Kino International feiert. Aber Regisseur Philippe de Chauveron scheint ihn gegangen zu sein, und der deutsche Verleihtitel „Monsieur Claude und seine Töchter“ unterstreicht das auch. Der Notar Claude Verneuil hat nicht drei Söhne, sondern vier Töchter. Drei von ihnen streifen sich gleich in den ersten Minuten des Films einen Ring über den Finger. Die erste heiratet einen Muslim, die zweite einen Juden, die dritte einen Chinesen. Der Papa (Christian Clavier) und seine Frau Marie (Chantal Lauby) machen dabei gute Miene, aber es ist ihnen deutlich anzusehen, dass sie damit überfordert sind. Sie sind eigentlich ganz normale Franzosen, distinguierte, wohlsituierte Bürgersleute mit dem üblichen Nationalstolz. Sie würden sich durchaus als tolerant bezeichnen. Aber so traditionell sie verhaftet sind, so globalisiert denken ihre Töchter. Toleranz ist eine prima Sache – solange man sie von anderen einfordern kann. Nun müssen sich die Eltern selbst darin beweisen. Während das ganze Dorf schon über ihre „Benetton“-Familie lacht.

Dreifacher Kulturen-Clash

Es folgen die üblichen Späße über Eigenheiten der Kulturen. Über Essen und Beschneidung. Zu Weihnachten kocht Madame Marie gleich dreimal Huhn: koscher, halal und chinesisch. Und bei seinem ersten Enkel wird Claude dessen Vorhaut geschenkt, die dann sein Hund verschlingt. Das Herzerfrischende an diesem Film aber: Nicht nur die Eltern haben ihre liebe Müh’ mit dem dreifachen Kulturenclash. Es sind (während die Töchter alle etwas blass bleiben) vor allem die Schwiegersöhne, die immer wieder aneinander geraten und sich wüst gegenseitig beschimpfen. Vorurteile hat halt ein jeder.

Spätestens seit der guten alten Louis-de-Funès-Komödie „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ (1973), auf die hier auch Bezug genommen wird, gibt es sie, die multireligiöse Komödie. Was man auch Integrationslustspiel nennen könnte. Hier werden Reibungspunkte, die durch Migration entstehen, über den Filter Humor spielerisch verarbeitet. Ob in „East is East“ (1999), dem Film über eine englisch-pakistanische Großfamilie. Ob in „Alles koscher“ (2010), in der ein gläubiger Moslem erfährt, dass er ein Jude ist. Oder nun in „Monsieur Claude“, der im Original viel treffender „Qu’est-ce qu’on fait au bon Dieu?“ heißt: Was haben wir dem lieben Gott getan?

Das wirkt wie die Quadratur des Kreises. Denn natürlich sind vor allem die Religionen die wesentlichen Identitätsstifter. Und wer immer eine derartige Komödie dreht, muss aufpassen, wie weit er seinen Scherz treibt. Werden doch nicht nur im Islam die Fundamentalisten immer stärker. „Ich habe sehr viel Wert darauf gelegt, den Film in keiner Weise beleidigend oder areligiös zu machen, so dass sie ihm nichts vorwerfen können“, hat schon Ayub Khan-Din einst bei „East is East“ vorauseilend beschwichtigt. Und auch „Claude“-Regisseur de Chauveron betont nun, dass er „auf keinen Fall einen Film mit einer bestimmten Botschaft machen wollte. Die Menschen haben es nicht nötig, dass man für sie denkt.“

Deshalb weitet de Chauveron den Religionskonflikt aus und verbindet ihn mit Hautfarben. Die Religion des chinesischen Schwiegersohns wird dabei nicht näher thematisiert. Richtig in Fahrt kommt die Geschichte aber erst, als die vierte Tochter ebenfalls heiraten will. Diesmal ist der Kandidat – endlich – ein Katholik. Nur vergisst sie dabei, den Eltern zu verraten: Er kommt von der Elfenbeinküste und ist schwarz. Und wieder sind es die Schwiegersöhne, die die größten Abwehrmechanismen vorweisen. Erstmals sind sie sich einig. Darin nämlich, dass diese Hochzeit verhindert werden muss. Weil man den Schwiegereltern „das“ nicht auch noch antun könne.

Natürlich mogelt sich de Chauveron um die realen sozialen Brennpunkte ein bisschen herum. Weil seine Schwiegersöhne eben nicht, wie die Mehrzahl der Migranten, aus ärmeren Verhältnissen stammt. Alle in dieser Familie gehören der Bourgeoisie an, um seine Existenz muss sich hier keiner sorgen. Dennoch treibt de Chauveron sein Spiel immer mehr auf die satirische Spitze, wenn sich der Bräutigamvater von der Elfenbeinküste dann als noch verstockter denn Monsieur Claude erweist – und die Vermählung mit der schönen Weißen gar als späte Wiedergutmachung kolonialistischer Altsünden begreift.

Kinokorrektiv zur Europawahl

In Frankreich haben schon rund zehn Millionen Zuschauer über „Monsieur Claude“ gelacht. Der neue Sensationserfolg nach „Willkommen bei den Sch’tis“ und „Ziemlich beste Freunde“. Und, wie diese, eine unterhaltsame Lektion im Miteinander-Auskommen und Abbauen von Vorurteilen. Das ist eine gute Nachricht. Nach der letzten Europawahl wurde einem ja doch mulmig über die Gesinnungslage der Nachbarn. Nach der Wahl haben die „Claude“-Besucherzahlen sogar noch mal angezogen. Als wolle man bezeugen: Seht, wir sind nicht alle so. Insofern kann auch eine überdrehte Komödie einen Standpunkt setzen. Und dem salomonischen Schluss von Lessings Ringparabel – „Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach“ – weiß sie auch noch etwas Adäquates hinzuzufügen.