Gedenken

Archäologe Klaus Schmidt vor Usedom ertrunken

Eigentlich hatte der Göbekli Tepe, der „bauchige Berg“, sein Verdikt schon weg: uninteressant. Weil ein US-Archäologe Anfang der 1960er-Jahre auf dem Hügel im Südosten der Türkei einen muslimischen Friedhof identifiziert hatte, beschäftigte man sich nicht weiter damit.

Derartige Stätten sind tabu. Erst 30 Jahre später sah ein Kollege etwas genauer hin und entdeckte Bruchstücke monumentaler Pfeiler. Einige Grabungskampagnen später sind die Altertumsforscher überzeugt, dass die Funde auf dem Göbekli Tepe geeignet sind, die Menschheitsgeschichte umzuschreiben.

Der Mann, der sich nicht durch ältere Befunde abschrecken ließ, war Klaus Schmidt, damals wissenschaftlicher An- gestellter am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg. 1995 übernahm er für das Deutsche Archäologische Institut (DAI) die Leitung der Grabungen auf dem Göbekli Tepe und entdeckte das älteste monumentale Heiligtum der Menschheit. Seine Kampagnen revolutionierten unser Wissen über die neolithische Revolution.

Schmidts Werdegang hat so gar nichts mit dem eines Schliemann oder Indiana Jones gemein. 1953 in Feuchtwangen geboren, studierte er in Erlangen und Heidelberg. Noch vor der Habilitation machte er auf dem „bauchigen Berg“ die Entdeckung seines Lebens. Neben weiteren Projekten für das DAI erhielt Schmidt 2007 eine außerplanmäßige Professur in Erlangen. Andererseits zeigt Schmidts Herkommen von der Ur- und Frühgeschichte, wie weit sich die Archäologie von ihren klassischen Wurzeln entfernt hat. Schnell erkannte er die Dimensionen der Funde, die auf dem Hochplateau des Göbekli Tepe ans Licht kamen: Kreise aus Steinmauern von acht bis 20 Meter Durchmesser, in denen riesige Monolithen aufgestellt waren, die bis zu 20 Tonnen schwer sind. Diese Größenordnung lassen nur einen Schluss zu: Es müssen genügend Menschen zur Verfügung gestanden haben, derartige Kolosse zu transportieren. Und das zu einer Zeit, in der die Menschen gerade erst begonnen hatten, ihr Leben nicht mehr nur als Jäger und Sammler zu fristen. Denn die ältesten Spuren auf dem Göbekli Tepe sind 11.500 Jahre alt. Damit übertrifft das monumentale Bauwerk das biblische Jericho, das bis dahin als Mutter der Urbanität galt, um mehrere Tausend Jahre.

Als heiligen Ort hat Schmidt seinen Fund gedeutet, als „Schaltstelle der Geschichte“, an dem sich die Wandlung vom Wildhüter zum Bauern manifestierte. Dabei war nicht der Tempel, so seine fulminante These, das Ergebnis einer nahrungsproduzierenden Gemeinschaft, sondern ihr Motor. Indem sich Menschen zur Feier eines Kults zusammenfanden, versicherten sie sich einer Bindung, die es ihnen ermöglichte, Getreide zu kultivieren. So großartig die These, so tragisch der Tod ihres Schöpfers. Nur 20 Meter vom Strand des Seebades Ückeritz entfernt ist Klaus Schmidt jetzt beim Baden ertrunken.