Kino

Eine Kino-Orgel ist der größte Star beim Stummfilmfestival

Was in der streng konservativen Zeit unter Kaiser Wilhelm undenkbar war, wurde im Film der Weimarer Republik thematisiert.

Beim Stummfilmfestival „Begierde und Schrecken“ zeigt das Babylon derzeit 21 Filme aus den Jahren 1918 bis 1929. Mit dieser Reihe geben sie ein Statement zu den mentalen Folgen des ersten Weltkriegs ab, wie sie sich im Kino der Weimarer Republik widerspiegeln, so der Kurator Friedemann Beyer. In seiner nunmehr fünften Auflage widmet sich das alljährliche Stummfilmfestival gesellschaftlichen Tabus. Das reicht von Verführung über Prostitution bis hin zum Gewaltexzess. Bis zum 27. Juli kann man im Babylon das einzige Stummfilm-Orgel-Festival Deutschlands erleben.

Denn das ist das Besondere in diesem Jahr. Während sonst Stars wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin im Mittelpunkt stehen, dreht sich diesmal alles um die Kinoorgel des Hauses. Sie wurde 1929 eigens von der Firma Philipps aus Frankfurt am Main für das damalige Stummfilmkino Babylon angefertigt. „ Die neue Kino-Orchester-Orgel dürfte berufen sein, die ausländische Konkurrenz endlich aus dem Felde zu schlagen“, schrieb die Deutsche Instrumentenbau-Zeitung damals. Heute ist sie die einzige in Deutschland, die noch an ihrem Originalstandort steht. Ein ganzes Orchester kann die Kinoorgel imitieren, von der Pauke bis zur Harfe ist die ganze Klangfarbenpalette dabei. Zu den 34 Effekten gehören auch Pferdegetrappel und Vogelgezwitscher. Mit dem Ende der Stummfilm-Ära geriet die Kinoorgel in Vergessenheit. Beim Festival vertont nun die Babylon-Organistin Anna Vavilkina live das Geschehen auf der Leinwand. Die international ausgezeichnete Musikerin ist seit 2014 fest am Haus.