Geschichte

Leipzig verabschiedet sich vom Einheitsdenkmal

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) war dafür, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) auch, und der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sowieso.

Leipzig, die Stadt der Friedensgebete und Montagsdemonstrationen, die eine so wichtige Rolle im Herbst 1989 gespielt hat, sollte ein Freiheits- und Einheitsdenkmal erhalten – und zwar am 25. Jahrestag der friedlichen Revolution im diesem Oktober. Das zweite Nationaldenkmal neben Berlin. Doch alle prominente Fürsprache hat nichts genutzt. Nach endlosem Streit um die Entwürfe und juristischen Querelen hat der Leipziger Stadtrat am Mittwoch das vorläufige Aus des Denkmals beschlossen.

Abgezeichnet hat sich die Entscheidung schon länger. Von Anfang an stand das Einheitsdenkmal unter keinem guten Stern. In der Stadt waren stets jene Stimmen besonders laut, die kein Denkmal wollten. Mit der Nikolaikirche, dem Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen, gebe es in der Stadt längst einen lebendigen Erinnerungsort, hieß es. Dass Bund und Freistaat Sachsen 6,5 Millionen Euro für das Denkmal zusagten, überzeugte die Kritiker nicht. Das Geld solle man lieber nehmen, um Leipzigs marode Straßen und Schulen zu sanieren. 2011 startete die Stadt einen Gestaltungswettbewerb für das Denkmal. 38 Entwürfe wurden eingereicht. Dass eine Jury den bunten, verspielten Entwurf „Siebzigtausend“ von M+M/München und Annabau/Berlin auf Platz Eins setzte, löste erneut heftige Diskussionen aus. Bunte Würfel zum Wegtragen. Menschen, die im Herbst 1989 auf die Straße gegangen waren, fühlten sich verhohnepiepelt. Auch mit dem geplanten Standort des Denkmals wurden die Leipziger nicht warm. Das sei „das zentrale Nichts Leipzigs“, lästerten Kritiker. Über den gesamten Ring waren die Demonstranten gezogen – aber nicht über den Wilhelm-Leuschner-Platz.

Der Streit um das Denkmal beschäftigte sogar die Justiz. Nachdem „Siebzigtausend“ bei der Bevölkerung nicht gut angekommen war, schob die Stadt eine zweite Wettbewerbsphase ein – an deren Ende die bunten Würfel auf Platz Drei heruntergestuft wurden. M+M und Annabau wandten sich an die Vergabekammer des Freistaats und das Oberlandesgericht. Ergebnis: Die Stadt müsse die zweite Phase des Wettbewerbs wiederholen. Soweit kam es nicht, die Stadtratsfraktionen von SPD, CDU und Bündnis 90/Die Grünen beantragten, das Vergabeverfahren zu beenden. Allerdings solle Leipzig an dem Ziel festhalten, „langfristig ein Zeichen für die Bedeutung der friedlichen Revolution in Leipzig im öffentlichen Raum zu setzen“. Es soll also ein neuer Wettbewerb mit neuen Entwürfen her. Wann das soweit sein wird, steht in den Sternen.

Doch nicht nur Leipzig tut sich schwer mit dem Einheitsdenkmal. Auch in Berlin verzögert sich der Bau seit Jahren. Aktuell behindern Fledermäuse im Sockel und der Fund historischer Mosaiken die Realisierung. So scheint es wenig wahrscheinlich, dass zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit in Berlin 2015 tatsächlich „Bürger in Bewegung“ sein werden und das Denkmal in Form einer Schale wie geplant begehen können.