Dokumentation

Auf den Hund gekommen

Zwei Dokumentarfilmerinnen schwirren zur Documenta in Kassel aus

Erst kürzlich eröffnete die Berlin-Biennale. Da zog das Kunstvölkchen kreuz und quer durch die Stadt, von den Kunstwerken in Mitte bis in das Haus am Waldsee nach Zehlendorf und die Museen in Dahlem. Wenn alle fünf Jahre die Documenta die hessische Stadt Kassel für 100 Tage komplett aufmischt und zum Nabel der Kunstwelt macht, ist das ein anderes Kaliber. Dann trifft sich dort der internationale Kunst-Jetset und eigentlich alle Museumsdirektoren der Welt, samt ihren Kuratoren, Künstlern und allen, die es sein wollen.

Wer einmal da war, weiß, die Atmosphäre in der Stadt ist in diesen Tagen und Nächten wunderbar und die Kasselaner geben sich alle Mühe, weltoffen zu sein. Hier weiß jede Hausfrau, was die Documenta ist, auch wenn sie die Kunst nicht versteht. Selbst im Haushaltswarenladen in der Innenstadt ist man gerüstet, dort liegen Geschirrtücher aus mit dem „Documenta“-Logo.

Wahrscheinlich war es diese Idee, die die filmenden Schwestern Katrin und Susanne Heinz zu ihrer Dokumentation „Art’s Home is My Kassel“ anregte. Ein filmisches Making-of der Weltkunstausstellung, vom Aufbau bis zum Ende der Schau. Man muss wissen, die Heinz-Frauen wuchsen in Kassel auf. Die Documenta, erzählen sie gern, habe ihren Heimatbegriff beeinflusst. Das kann man gut verstehen. An „Papas Hand“ sind sie Joseph Beuys begegnet, der mit Besuchern seine Kunst diskutierte. Und ja, direkt vor der Haustür des Elternhauses wurde eine von seinen 7000 Eichen gepflanzt. Klar, da entwickelt man schon eine besondere Bindung.

Documenta 13, 2012. Das ist lange her im heiß laufenden Karussell der internationalen Kunst-Events. Wir erinnern uns noch gut an den Hund mit den eingefärbten rosa Beinen, der durch die Karlsaue wedelte. Einen alten Campingwagen, der aussah wie ein Liebesnest im Gebüsch, aber tatsächlich eine ephemere Soundinstallation war. Und ja, an „Lady Gaga der Documenta“, wie einige Kritiker Carolyn Christov-Bakargiev nannten. Vor diesem illustren Hintergrund der letzten Documenta ist die Fallhöhe für den Film also angesetzt. Die Heinz-Schwestern sind somit in Kassel ausgeschwirrt, haben eine Taxifahrerin erzählen lassen, was sie so über ihre Kunstschaft und die Kunst hält. Von Letzterem nicht viel („Das ist keine Kunst“). Aber jedenfalls verdient sie Geld, wenn sie Galeristen wie Jörg Johnen aus Berlin fährt. Ein Ausstellungsarchitekt erklärt vor Ort, wie er all die Ansprüche der Künstler meistert. Und eine Studentin aus Asien schleust ihre Besuchergruppen tapfer durch Sinn-Tiefen der Weltausstellung. Toll ist Irene Heinz, die neugierige Rentnerin: Sie nimmt alles mit, was es auf der Documenta zu sehen gibt, und kommentiert das auf ihre Art.

Leider reihen sich diese Szenen unmotiviert aneinander. Klar, die Regie-Schwestern wollten nicht selbst werten, die Protagonisten sprechen lassen. Manches ist lustig, anderes nicht. Wirklich dumm ist, dass man der Kunst gar nicht auf die Spur kommt. Insgesamt wirkt „Art’s Home is My Kassel“ unglaublich naiv, die Reflexion über das „Phänomen Kassel“ bleibt ganz aus. Eine Dokumentation sieht anders aus.

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