Kunst

Farborgie mit Sitzkissen und Cocktail

Zwei Ausstellungen, ein Künstler: Otto Piene zeigt „More Sky“in der Nationalgalerie und der KunstHalle

Es ist Sommer in Berlin. Eine Zeit, in der die Besucher in den Museen nicht gerade Schlange stehen. Es sei denn, man verwandelt das Museum in eine Lounge, legt knuffige Sitzkissen aus und serviert exotische „Sky Art“-Cocktails mit Gurke und Rum und anderen süßen Säften. Die Neue Nationalgalerie wagt das, aber natürlich kommt die Kunst nicht zu kurz: Sie feiert das Comeback von Otto Piene, Mitbegründer der Künstlergruppe Zero.

Die obere Halle gleicht einem pulsierenden Farblaboratorium. „The sun, the sun, sun, the sun“ hämmert es aus den Lautsprechern. Wie aus einem Maschinengewehr knallen diese Worte heraus im Sekundentakt. An den bis zu acht Meter hohen Leinwänden schweben, tanzen und ziehen bunte Formengebilde vorbei. Sieben Projektoren produzieren Blasen, Flecken, augenähnliche Kreise, mikroskopische Gewebeformen, kurz: ein wunderschönes Universum von Planeten- und Sonnenbildern in allen Regenbogenfarben. „The proliferation of the Sun“ nennt Piene seine vibrierende Licht-Installation aus den 60er-Jahren. Sie funktioniert nur bei Dunkelheit.

1120 bunte Dias

1120 bunte Dias werden im wechselnden Rhythmus in unterschiedlichem Licht projiziert. Und die Zuschauer, sie wandeln und stehen zwischen diesen surrealen Farbflächen, oder setzen sich, fotografieren, quatschen, schlürfen am Drink. Ihre Schattenwürfe sind Teil dieses Gesamtkunstwerkes, das irgendwie fröhlich macht, weil die Farben animieren. Eine „poetische Raumfahrt“, so beschreibt Piene seine Farb-Kapriolen. Die Dias hat er damals, 1964, einzeln per Hand gemalt, gekleckst und gedruckt. Sozusagen analog.

Kurios war, dass für ihn die Markteinführung des Kodak-Diakarussells 1964 zum Auslöser für dieses Projekt wurde. Endlich waren rasche Bilderwechsel möglich – und Projektionen im Endlosbetrieb. Als „Sun“ in New York in einem Off-Theater erstmals aufgeführt wurde, gab es Ansagen von Piene zum flotten Diawechsel. Seine Stimme hört man nun auf einer Tonbandaufnahme. Die Dias allerdings wurden längst digitalisiert.

Piene und die Künstler der Zero-Truppe hatten sich damals geschworen, die Kunst aus den Angeln zu heben und den konservativen Museumsbetrieb gleich mit. Es war die Zeit, als Christo seine ersten Objekte verpackte und Nam June Paik seine ersten Videoinstallationen zeigte. „Entgrenzung“ hieß das Motto. Die Nationalgalerie macht das auf ihre Weise und stellt nun temporär auf Bar-kompatiblen Nachtbetrieb um: „Sun“ ist von 22 Uhr bis 3 Uhr zu sehen. Der Aufbruchsgeist von gestern ist der Lounge-Besuch von heute.

Otto Piene, heute 86 Jahre alt, und die Zero-Künstler waren die letzten Jahrzehnte aus dem Blick der Museen geraten. Er unterrichtete lange in Amerika, wo er heute noch lebt, er pendelt zwischen Boston, Düsseldorf und hat seit Neuestem auch ein Atelier in der Hauptstadt. Einmal im Monat kommt er nach Deutschland, für einen 86-Jährigen ganz schön anstrengend. Tatsache ist, dass die Preise auf dem Kunstmarkt derzeit anziehen.

In Berlin erlebt Piene gerade sein Revival mit gleich drei Präsentationen in zwei Institutionen, Nationalgalerie und die KunstHalle kooperieren vorbildlich. Im März nächsten Jahres wird es eine Zero-Schau im Gropius-Bau geben, parallel dazu will Galerie Arndt eine Auswahl von Pienes Feuerbildern und Grafiken zeigen.

Jetzt sitzt Piene erst einmal im Foyer der KunstHalle. Als er mühsam das Podium betritt, wird der „Kunsterneuerer“ heftig beklatscht. Er erinnert sich noch genau an die Zero-Parade auf dem Kudamm, „mit Zero-Fahnen, Zero-Emblem und Zero-Kostümen“. Mit diesen Ausstellungen schließe sich für ihn nun „ein Kreis“, sagt er.

Man könnte ihn womöglich für größenwahnsinnig halten, denn der Himmel, das Licht waren für ihn stets eine Option für seine Kunst. Himmel bedeutet für ihn eine Form von Freiheit, Fliegen war für ihn ein Traum. So absurd es heute klingt, wenn Otto Piene seine Geschichte erzählt, versteht man es sofort. „Wir hatten eine schwere Zeit hinter uns, eine Generation, die den Krieg überlebt hat. Wir waren glücklich, etwas machen zu können. Einer der Beweggründe, warum es Zero gab“, sagt er, schweigt kurz. „Es war eine Verpflichtung gegenüber dem Kosmos. Dass wir am Leben waren, war ein enormer Impuls für die Kunst.“

Mit Rauch malen

Piene fängt also an, mit Rauch, Feuer und Licht zu malen, die Elemente faszinieren ihn. Die Natur, die Technik, alles soll möglichst zusammenkommen. Er sucht nach Alternativen für die als rückwärtsgewandt empfundene Malerei des Informel. „Was ist ein Bild“, fragt er. In der KunstHalle kann man diese experimentellen Arbeiten sehen. Die Deutsche Bank besitzt in ihrer Sammlung 66 Werke des Künstlers. Das erste kam 1984 in den Fundus. Ohnehin hat sich die Ausstellungshalle in eine Art Piene-Studiensaal verwandelt. Großartige Bilder wie „Komet“ sind hier präsentiert und die porösen Feuergouachen von 1973. Erstaunlich, wie Asche zu Farbe werden kann. Nicht zu vergessen die ganz frühen Rohrfederzeichnungen von 1952 und die verrückten Lichtgrafiken. „Hot Mountain“, Öl, Feuer und Heu, erinnert an die krustige, blasige Ästhetik von Anselm Kiefer.

Das Highlight sich sicher der Lichtraum am Ende der Schau. In der Dunkelheit tanzen die weißen Linien, hüpfen von Punkt zu Punkt die Wände hinauf und hinab. So weit kann Malerei eben gehen. Die Deutsche Bank besitzt in ihrer Sammlung 66 Piene-Werke. Das erste Werk kam 1984 in den Fundus.

Kommenden Sonnabend geht es ab in die Luft: Der „Berlin Superstar“ steigt dann auf. Eine Luftskulptur in Sternform im Himmel über der Neuen Nationalgalerie.

KunstHalle, Deutsche Bank, Unter den Linden. Tgl. 10-20 Uhr. Otto-Piene-Wochenende 19./20. 7., 10-20 Uhr. Bis 31. 8.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50. Di-So 22-3 Uhr. Eintritt frei

Sky Art Event: Sonnabend: 19. Juli, 17-3 Uhr. Katalog: 29,80 Euro