Theater

„Super-Gau zu Ferienbeginn“

Riesenschaden am Berliner Ensemble: Sprinkleranlage setzt die Bühne unter Wasser und legt die Technik lahm

Brecht sitzt still und schweiget. Was soll er auch sonst machen? Das Denkmal des Säulenheiligen des Berliner Ensembles (BE) ist kaum noch zu erkennen, es verschwindet zwischen Bau- und Entsorgungscontainern. Ein Lkw-Fahrer hat Mühe, sein Gefährt rückwärts vom Schiffbauerdamm in die schmale Sackgasse zur Baustelle zu bugsieren. Aber nicht das sorgt für Aufregung im Innenhof des Theaters. An den Verkehr und die Bauarbeiten haben sie sich am BE längst gewöhnt, der Neubau wird bald bezugsfertig ist.

Für Aufregung im Innenhof des Theaters sorgt an diesem Mittwoch ein Vorfall, der sich am Vortag ereignet hat: Die Bühne des Berliner Ensembles stand unter Wasser. Miriam Lüttgemann, neben Claus Peymann Geschäftsführer des Berliner Ensembles, steht umringt von Journalisten und Fotografen neben dem Pförtnerhaus und spricht von einem „Horrortrip“. Vorn vor dem Haupteingang warten ein paar Leute auf sie, sie haben Interesse daran, das Theater für eine Veranstaltung zu mieten, möchten sich die Location aber vorher anschauen. Technik-Chef Stephan Besson kommt gerade von der Unterbühne, dort stand das Wasser „30 Zentimeter hoch“. Ob auch die Drehbühne beschädigt ist, kann er noch nicht sagen. Und oben im Direktionszimmer ruft Claus Peymann an, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Er hat sogar überlegt, seinen Urlaub zu unterbrechen.

Funkenflug löste Alarm aus

In einer Pressemitteilung spricht das BE von einem „Super-Gau zu Ferienbeginn“ – und das schließt unausgesprochen einen zweiten Vorfall ein. Am Sonntag ging die Saison am Schiffbauerdamm zuende, am Montag kam die Nachricht vom Tod des Ausnahme-Schauspielers Gert Voss, der zuletzt am Berliner Ensemble „Einfach kompliziert“ gespielt hatte und an den das Haus mit einem großen Inszenierungsplakat mit Trauerflor erinnert. Am Dienstag löste dann „kurz nach 10 Uhr ein Alarm die Sprinkleranlage auf der Bühne des Theaters aus“. Ausgelöst wurde dieser laut BE durch Arbeiten einer Fremdfirma auf dem Dach. Ein Handwerker habe bei Flexarbeiten die Tür zum oberen Bühnenhaus nicht geschlossen, durch Funkenflug sei daraufhin der Alarm ausgelöst worden, wie das Theater bekannt gibt.

Ungefähr 80.000 Liter Wasser ergossen sich daraufhin über die Bühne – und sickerten zur Unterbühne durch. Der Start der neuen Spielzeit Ende August sei in Gefahr, der Schaden gehe „in die Hunderttausende“. Der Wasserschaden sei „eine wahre Katastrophe“. Beschädigt wurde auch der rote Samtvorhang aus der „Dreigroschenoper“, höchstwahrscheinlich muss er ersetzt werden, denn durch die Brandschutz-Imprägnierung bilden sich Flecken, wenn er feucht wird. Momentan ist der Vorhang hochgezogen – zum Trocknen.

Er wäre auch im Weg, denn der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) bereitet gerade die Aufzeichnung der „Kurt-Krömer-Show“ vor. Seit Montag ist das Fernsehen da, ein Teil der Dekorationen sind wohl auch nass geworden, auf der Bühne stehen zwischen Doppelbett, 70er-Jahre-Sofa, Schreibtisch und einer Showtreppen-Persiflage zwei große, orangefarbene Entfeuchtungsgeräte. Die brummen ganz schon laut. Im Durchgang sind Ventilatoren aufgestellt, damit der Teppich trocknet.

Notstrom ist nötig

Die Fernseh-Produktionsleitung will sich nicht weiter zu den Schäden äußern, man möchte auch nicht, dass das Bühnenbild fotografiert wird, weil die Show, deren Aufzeichnung am heutigen Donnerstag beginnt, erst im Oktober gesendet wird. Weil die komplette Bühnentechnik des BE einschließlich des Stroms aus Sicherheitsgründen gewissermaßen vom Netz genommen wurde, muss alles extern geregelt werden.

Möglicherweise muss auch Rolf Hochhuth, dessen Weltkriegs-Stück „Sommer ’14“ am 1. August im BE Premiere hat, auf externe Technik und Notstromaggregate zurückgreifen. „Dafür aber kann Hochhuth diesmal nicht Claus Peymann haftbar machen“, sagt Hermann Beil, der stellvertretende Direktor, der gerade über den Hof geht und damit auf die regelmäßigen gerichtlichen Auseinandersetzungen anspielt. Hochhuth gehört über die vom ihm gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung das Theater. Erst am Dienstag hatte sich der Dramatiker beschwert, dass die „Intendantin des RBB, Dagmar Reim, und Claus Peymann gemeinsam Rolf Hochhuth verboten haben, am kommenden Sonntag im BE den Film vorzuführen, der die Verschwörer des 20. Juli vor Freisler zeigt, dem Präsidenten des ,Volks‘-Gerichtshof, der sie in einem barbarischen Verfahren zum Tode durch den Strang verurteilte.“ Die Veranstaltung kann laut Hochhuth nicht stattfinden, weil das Theater „auch an diesem Gedenktag für Komiker Krömer freigehalten werden muss, der bereits seit vier Tagen dort täglich gefilmt wird“.

So eine Vermietung bringt dem BE Einnahmen – und ärgert den Dramatiker und Theater-Besitzer Hochhuth seit vielen Jahren. Denn er hat dem Berliner Senat das Haus zu einer vergleichsweise geringen Pacht überlassen. Aber zumindest kann er in diesem Sommer seinTheater bespielen. Wenn auch unter erschwerten Bedingungen.