Nachruf

Der Geheimnisvolle

Trauer um Gert Voss: Für viele war er der größte deutsche Theaterschauspieler

Da ist einer, Orgon, der Halt sucht in einer als haltlos empfundenen Welt. Und schmeißt sich ran an einen, der da gerade vorbeikommt, Tartuffe; einen, der Halt verspricht und alles Blaue vom Himmel dazu. Blindlings opfert Orgon dem Seelentröster dafür alles: sein Hab und Gut, seine Frau und Tochter. Im allerletzten Moment erst erkennt er in Tartuffe den ruchlosen Heuchler, Hochstapler und jagt ihn fort. Gerade noch mal gut gegangen. Happy End mit Familienfeier. Bei Kaffee und Kuchen hat Gert Voss als Hausvater Orgon das letzte Wort: „Der Mensch, das muss ich sagen, ist wirklich, ist wirklich ein gemeines Tier … Ein gemeines Tier …“

Es ist ein Stammeln, leise, wie zu sich selbst. Es ist, als ginge ein Universum unter. Da würgt ein zu Tode Erschrockener, ein einsam Angstvoller und hilflos nach Erlösung Süchtiger seine elende Wahrheit heraus. Die anderen schmausen lachend Torte. Eine grauenvolle, eine herzzerreißende Szene, familienfroh gerahmt. Mit Gert Voss als große komische Figur, die, schwächlich, wie sie ist, um überleben zu können in den wahnwitzigen Wirren des Lebens, radikale Wirklichkeitsverweigerung betreibt. Und so – in einem alten Stück zur großen tragischen Figur von heute wird. Unvergesslich!

Das war im Frühsommer 2013 in Wien. War Luc Bondys MolièreInszenierung als wundersam spielerisch vorbeifederndes Warnstück vor der zerstörerischen und doch so verführerischen Kraft ideologischer Verblendung – mit Voss als unerbittlichem Triebtäter und waidwundem Opferlamm.

Claus Peymann inszeniert Voss

Berliner Ensemble (BE), Frühjahr 2011. Probe des Monolog-Stücks „Einfach kompliziert“ von Thomas Bernhard. Claus Peymann inszenierte mit Gert Voss, dem Besten seiner Zeit, wie die Theaterwelt befand. Bernhard erfand für sein Solo eine Figur wie von Tschechow – Voss galt längst als idealer Bernhard- und Tschechow-Spieler; passend für deren vertrackt zwielichtige Figuren: sarkastisch, ätzend larmoyant, verführerisch schwadronierend, schmerzlich liebend, bittersüß leidend. Thomas Bernhard hat ihm – und seinen Mitspielerinnen Kirsten Dene und Ilse Ritter – die Ehre erwiesen, ein Stück auf seinen Namen zu taufen: „Ritter Dene Voss“, das 1986 uraufgeführt wurde.

Jetzt also am BE Voss mit Bernhard: als steinalt einsamer Schauspieler im sauren Wartestand auf den Tod. Eine stinkige, unverschämte Altmänner-Tirade. Aber auch ein gewitzt hochfahrendes, sarkastisch tiefschürfendes Philosophierstück. Ein Lebenskrampf und Überlebenstriumph. Toll, tolldreist gemacht von zwei alten Herren, beide schwer lebens- und kunsterfahren: Regisseur Peymann war damals Mitte 70, sein Spieler Voss ein paar Jahre jünger.

Wir trafen Voss, Beine hoch auf dem Schminktisch, ziemlich erschöpft nach der Probe spät abends in einer ungemütlichen BE-Garderobe. Im Schmuddelhemd mit ausgeleiert versiffter Hose gar nicht so sexy wie sonst immer im schick schwarzen Zivil mit Bügelfalte, T-Shirt, Künstlerschal und Sonnenbrille. Doch in seinen weiten hellen Augen, da blitzte der Schalk. Da glimmte, selbst nach schwer getaner Arbeit, fein Verführerisches, Durchtriebenes.

Spielen geschehe, wenn es denn echtes Spielen sei, selbstvergessen, sagte Voss. Ansonsten wäre es keins, sondern bloß Abspulen von Einstudiertem. Im Spiel müsse immer etwas Unverhofftes, bislang Unmögliches hinzukommen. Nur was in dieser Sekundenkunst passiere und etwas mehr erzähle als das, was im Text steht, packe den Zuschauer wirklich. „Meine ewige Angst im Beruf ist, dass solche Momente ausbleiben. Dann wird alles Schmiere. Kantinenschauspielerei.“

Gast an der Schaubühne

Immer ging es Gert Voss, wie er sagte, um „Geheimnisse“. Also um Kunst. Ihr ein paar Verborgenheiten zu entreißen, ein paar Wahrheiten des Daseins zu entdecken, so sei der Job. Das Leben sei ganz einfach, und zugleich ziemlich kompliziert. Wie in Stücken von Shakespeare. Gert Voss als Richard III. oder als Othello, das waren Unergründlichkeitstiger, die den (Burgtheater-)Ruhm dieses Schauspielers auf Gipfel trieb.

Schaubühne Berlin, Frühjahr 2012. Gert Voss freut sich „wahnsinnig“ über Regisseur Thomas Ostermeier und obendrein über Berlin und sogar über Currywürste. George Tabori hielt ja Wien für eine Kunstmühle, für eine Genievernichtungsanstalt. Doch Voss hing tapfer fest an Wien, das trotz aller Mozartkugeln doch ein Musenhort sei, etwas sehr Schönes, sehr Wehes. Vor allem aber freut sich Gert Voss „über den Umgang mit den vielen jungen Schauspielern“. Wir reden von der Ostermeier-Inszenierung von Shakespeares rabenschwarzer Polit-Komödie „Maß für Maß“, in der Voss als Gaststar die Hauptrolle gab – und die mit dem Friedrich-Luft-Preis 2011 der Berliner Morgenpost ausgezeichnet wurde. „Mich hat diese Arbeit an schönste Momente in Bochum oder Stuttgart erinnert. An die herrlichen alten Zeiten, als wir wirklich ein Ensemble waren. Ohne Einzelkämpfer.“

Gert Voss, geboren 1941 in Shanghai als Kind deutscher Kaufleute, wurde nach dem Krieg mit der Familie von einem US-Truppentransporter repatriiert nach Hamburg. Er wuchs auf am Bodensee und kam nach abgebrochenem Germanistikstudium über Privatunterricht zur Schauspielerei. Schließlich fand der Familienvater zu Claus Peymann in Stuttgart, folgte ihm nach Bochum, Wien und als Gast auch nach Berlin. Nun ist Gert Voss, wie das Burgtheater mitteilt, am 13. Juli gestorben. Er war schon seit längerer Zeit krank, Vorstellungen mit ihm konnten seit Monaten nicht mehr gespielt werden. Peymann reagierte auf die Todesnachricht zutiefst betroffen: „Ich könnte heulen.“ Er sei mit Gert Voss durch alle Wonnen des Theaterglücks und alle Schrecken der Theaterhölle gegangen.