Nachruf

Das Wunderkind mit dem Taktstock

Im Alter von 84 Jahren ist der Dirigent Lorin Maazel gestorben

Er war die Verkörperung des abgespreizten Fingers unter den Dirigenten. Und der wohl talentierteste von allen. So sehr, dass er sich selber schon längst zu langweilen begonnen hatte auf dem sich ewig drehenden Karussell. Gesegnet mit unbestechlicher Schlagtechnik, einem Repertoire ohne Grenzen und einem unnachahmlich zelebrierten Ennui war Lorin Maazel der Beweis dafür, wie schön doch Blasiertheit sein kann. Wirklich ein Großer! Mit Rekordgagen der wundervollste Ausdruck des Methusalem-Komplotts in der Klassik.

Der 1930 in Neuilly-sur-Seine (Île-de-France) geborene Sohn zweier Musiker war mit dem Klassik-Boom groß geworden. Als Teenager bewunderte man ihn als fulminanten Geiger. Maazel war aber das vielleicht einzige, zumindest letzte Dirigier-Wunderkind der Welt. Mit neun Jahren leitete er, bizarre Spätblüte des Geniekults, erstmals ein Orchester. Und tourte damit erfolgreich. „Die Maestri sind heute alle viel zu lieb geworden“, sagte er einmal. Maazel verkörperte tatsächlich den schlechtgelaunten, zur Not auch Schrecken verbreitenden Pult-Autokraten alten Schlages. Erst mit Mitte 30 – für heutige Verhältnisse spät – nahm er erste, wichtige Stellungen an. Die führten ihn 1964 nach Berlin, wo er Ferenc Fricsay doppelt beerbte: bis 1975 beim heutigen Deutschen Symphonieorchester und zusätzlich bis 1971 als GMD an der Deutschen Oper. Hier zerbrach der Frieden an Maazels Machtansprüchen. Er ließ sich nie wieder blicken. Ähnlich wie nach dem kläglich zu Ende gegangenen Direktions-Intermezzo an der Wiener Staatsoper.

Zum Nimbus lässiger Überlegenheit gehörte bei ihm immer auch: Übelnehmen. Gekränkte Eitelkeit. Als er 1989 nicht Nachfolger Herbert von Karajans bei den Berliner Philharmonikern wurde (man wählte Claudio Abbado), kündigte er dem Orchester öffentlich die Freundschaft. Was ihn durchaus zurückwarf. Auf seinen Chefpositionen in Pittsburgh (bis 1996) und auch beim BR-Symphonieorchester (1993-2002) erweckte er eher den Eindruck, diese Aufgaben seien unter seiner Würde. Als er 2001 seine im Grunde solideste Position beim New York Philharmonic antrat, war er nach einem lukrativen Jetset-Gastierleben bereits über 70.

Als Maazel 2010 zum Chef der Münchner Philharmoniker ausgerufen wurde (als Nachfolger des im Streit geschiedenen Christian Thielemann), war sein Ruf als teuerster Notanker der Branche besiegelt. Doch er war immer viel zu gut, als dass man ihm irgendwas am Zeug hätte flicken können. In gewisser Weise war er ein Karajanide. Denn von der Ästhetik und vom Großverdienertum Karajans war er vielleicht am stärksten geprägt. Als er im Juni die vorzeitige Beendigung seines Vertrages mit den Münchner Philharmonikern bekannt gab, ließ dies darauf schließen, dass ein Traum langsam zu Ende gehe. Maazel, einer der größten Dirigier-Zampanos des Jahrhunderts, starb im Alter von 84 Jahren an Komplikationen nach einer Lungenentzündung in seinem Haus in Castleton Farms.