Ausstellung

Reisetagebuch mit Schnaps

Sarah Lucas gibt gern das böse Mädchen. Eine Begegnung in ihrer Berliner Galerie

Möglicherweise gibt es ein Anti-Aging-Gen, von dem wir noch nichts wissen. Man kann damit kettenweise Zigarillos rauchen und mexikanischen Schnaps trinken, darüber ein paar Falten entwickeln und eine raue Stimme einstreichen – aber beim Grinsen trotzdem aussehen wie Pippi Langstrumpf. „Ich bin halt kein ,Young British Artist‘ mehr“, sagt Sarah Lucas und kichert heiser.

Schock als Mittel der Kunst

Die 52-jährige Künstlerin steht in ihrer Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) und blinzelt in die Ausstellung hinein, die sie hier gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Julian Simmons aufgebaut hat: Wandfüllende Schwarz-Weiß-Fotos von archaischen Masken und handelsüblichen Toiletten, dicht beklebt mit Schichten aus Zigaretten. Stühle und Tische vom Flohmarkt, stellenweise überzogen mit ausgestopften, organisch verdrehten Nylonstrümpfen, die sich ebenfalls auf Fotos wiederfinden – es sind Lucas’ berühmte „Nuds“, die aussehen wie eine Mischung aus geköpften Puppen von Louise Bourgeois und selbst gebastelten Sexspielzeugen. Dazwischen kantige Sperrholzbänke und Sockel aus lose zusammengesetzten Backsteinen, die an Richard Artschwager und Carl Andre denken lassen. Ist das die Sarah Lucas, die wir kennen?

Vor 22 Jahren feierte die gebürtige Londonerin ihren offiziellen Einstand als Teil der „Young British Artists“ (YBA) – dem britischen Kunstphänomen, das 1988 mit der Ausstellung „Freeze“ begann. Damals holte Damien Hirst seine Freunde vom Goldsmiths College in die Londoner Docklands und verwies die alternde Postmoderne auf ihren Platz in der Kunstgeschichte – mit Arbeiten, die ziemlich vulgär, aber mindestens ebenso witzig um die Klischees menschlicher Abgründe kreisten: Identitätssuche, Sex, Tod, Gewalt, Armut und Familiengeheimnisse blieben plötzlich nicht mehr zwischen Tagebuchseiten stecken, sondern wurden ins Rampenlicht gezerrt. YBA: Ein Akt der RTL-isierung der Kunst, aber so publikumsnah, wie man sie noch nie gesehen hatte.

Spätestens mit der Ausstellung „Sensation“ 1997 war klar, dass Fragen nach sozialer und sexueller Verortung, formuliert mit makaber-ironischem Unterton, eine Bildsprache ergaben, die selbstverliebt auf der Schwelle zwischen Surrealismus und Pop entlangtorkelte – und dabei einen neuen, bisher ungekannten Voyeurismus mit einrechnete.

In dieser Zeit, als die Mittel Schock und Tabu bereits der Werbung angehörten und nicht mehr der Kunst, steckte Lucas eine Gurke in eine alte Matratze, flankiert von zwei Orangen. Ikonisch, surreal, saukomisch, aber auch sehr traurig. Hinzu kamen Selbstporträts auf der Toilette; Stühle bekamen BHs oder Feinrippunterwäsche samt Neonröhre im Sitz verpasst – und das erklärt auch schon, weshalb Lucas immer ein bisschen abseits der Young British Artists stand: Bei ihrer feministisch gedrehten Selbstinszenierung verwischte sie nicht nur nonchalant Geschlechtergrenzen, sondern hantierte mit einem Referenzarsenal auf die Kunstgeschichte.

Daher überrascht sie natürlich mit dem, was jetzt für ihre Galerie entstanden ist. Die Fotos und Skulpturen sind nämlich keine Ausstellung, wie sie betont, sondern Protagonisten aus einem enzyklopädischen Riesenbuch mit dem sehr unerwachsenen Titel „Tittipussidad“, das ihre Reise durch Mexiko vor einem Jahr schildert – herausgegeben und gestaltet von Julian Simmons. Lucas bereitete damals eine Ausstellung im Museo Diego Rivera vor, wo sie ihre Werke präsentieren sollte. Sie reisten also nach Oaxaca, Simmons begann zu fotografieren und zu filmen: In einer alten Backsteinfabrik, in ihrem Wohnhaus beim Konsum von Mezcal (dieser mexikanische Schnaps mit halluzinogener Wirkung), bei allerlei Gesprächen mit Freunden, beim Kleben von Zigarettenbildern und Nahaufnahmen der „Nuds“.

„Vielleicht ist meine Arbeit konzeptioneller geworden“, sagt Lucas und stößt Zigarillorauch aus. Tatsächlich wirkt ihr Auftritt ein bisschen extraspröde, besonders in den Fotografien geht es fast zu gewollt an der sinnlichen Ästhetik vorbei, die man von ihr kennt. Doch Selbstzitate, ohne altersmüde zu wirken, schafft man vielleicht am besten im Team. Und das muss nicht YBA heißen.

CFA, Am Kupfergraben 10, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 31. Juli.