Musikkritik

Haydn oder Mozart? Das Publikum darf abstimmen

Das Mandelring Quartett feiert 30-jähriges Jubiläum

„Schnallen Sie sich lieber an“, warnt die zweite Violine ihr Publikum. Und dann kommt es wirklich Hals über Kopf angerast: das f-Moll-Streichquartett op. 95 von Ludwig von Beethoven, jenes legendär komprimierte, experimentelle Werk, das der Komponist anno 1816 höchstselbst für öffentliche Aufführungen sperren lassen wollte. Das Mandelring Quartett bringt es nun trotzdem auf die Bühne, gleich zu Beginn der ausgedehnten Feierlichkeiten seines 30-jährigen Jubiläums im Radialsystem V. Denn die Zuhörer haben gewählt. Auf einem Stimmzettel durften sie bis kurz vor Konzertbeginn 3 von insgesamt dreißig Streichquartetten ankreuzen. Darunter Genreklassiker von Beethoven, Haydn, Mozart, Schubert und Schostakowitsch, aber auch Geheimtipps wie Onslow, Dessoff und Goldschmidt. Vor den Füßen des Mandelring Quartetts türmen sich die Noten – sie dienen gleichsam als Beweis, dass es bei der Auswertung der Stimmen auch wirklich mit rechten Dingen zugegangen ist. Sie sollen sichtbar machen, dass mit allen Eventualitäten gerechnet wurde.

Neben Beethovens f-Moll-Quartett setzen sich unter großem Jubel Ligetis „Métamorphoses nocturnes“ und Schuberts „Tod und das Mädchen“ durch. Ein Quartett der Moderne und ein sicherer frühromantischer Publikumsfavorit, eine gelungene Mischung aus Überraschung und Erwartung. Die Musiker fischen die Stimmen-Exemplare aus den Notenstapeln. Sie moderieren die Werke reihum. Stürzen sich dann ins musikalische Getümmel. Grundsympathisch, ehrlich, souverän.

In dreißig Jahren sind die Musiker des renommierten Mandelring Quartetts so stark zusammengewachsen, dass sie nahezu synchron Luft holen. Sie sprechen mit einer einzigen Stimme, fühlen mit einem einzigen weiten Herzen. Flott und flexibel wirkt ihre Tempogestaltung, vibrato-reich der schlanke Ton. Bemerkenswert, wie sich Bratsche und Cello am hellen Timbre der beiden Violinen orientieren. Das Mandelring Quartett überfrachtet seine Werke nicht mit tiefschürfenden Grübeleien – jedenfalls nicht an diesem feierlichen Abend. Schuberts d-Moll-Streichquartett ächzt nicht unter der Bedeutungsschwere, die andere Ensembles ihm auferlegen. Immer wieder mischt sich spielerische Leichtigkeit in den hochkonzentrierten Ausdruckswillen des Mandelring Quartetts. Dicht umringt von einem Publikum, das dem Ensemble jedes Mal aufs Neue seine Wünsche übermitteln darf.