Neue Töne

Ein seifiges Saxofon spielt auf

Sebastian Zabel, Chefredakteur des „Rolling Stone“, über seine Alben des Monats

Selten hat ein Tweet mehr Aufsehen erregt, als die zwei Zeilen, die Polly Samson vor einer Woche in die Welt schickte: 20 Jahre nach ihrem letzten Album veröffentlichen Pink Floyd im Herbst ein neues. Polly Samson ist die Gattin des Gitarristen Dave Gilmour, der nach heillosem Streit mit Floyd-Diktator Roger Waters die auf ein Trio geschrumpfte Band alleine weiterführte.

Das neue Album, dem nun die Freunde theatralischer Rockmusik weltweit entgegenfiebern, wird aber wohl nur instrumentales Restmaterial aus den Sessions zu ihrem letzten Werk „The Division Bell“ enthalten – einen kommerziellen Megaerfolg darf man ihm indes trotzdem schon mal unterstellen.

Denn Pink Floyd sind letzte Helden einer Generation, für die neue Alben ihrer Lieblingsbands noch gefeierte Großereignisse waren, und die dem rasanten Tempo und Austausch der digital verbreiteten Clips und Songs unserer Tage nicht folgen mögen. Das 20 Jahre alte letzte Werk der Prog-Rock-Titanen ist übrigens gerade in einer wuchtigen Schmuckbox mit allerlei Schnickschnack wiederveröffentlich worden. Damals von Floyd-Fans als Rückkehr zu alter Form gefeiert, zeigt „The Division Bell“ – heute noch einmal gehört –, die altersmüden Millionäre als tiefentspannte Musiker. Sanft, harmonieselig, mit erschlafftem Pathos und ein bisschen tüdelig schlurfen die Stücke daher. Sogar ein seifiges Saxofon spielt auf.

Es geht in dieser Kolumne also um die Spätwerke älterer Männer und deren Schaffenspausen. Vor ein paar Wochen war Dave Gilmour mit dem britischen Songwriter Ben Watt bei dessen Konzert in London aufgetreten. Der 67-jährige Gitarrist hatte den 52-jährigen Jungspunt zuvor auf einer Party kennengelernt und ihm Bänder mit seiner Musik vorgespielt. Watt war selbst gerade dabei, eigene Songs aufzunehmen und Gilmour jammte schließlich mit.

Das Album, das dabei herauskam heißt „Hendra“, was so viel wie „Heimat“ im Watts südenglischem Idiom bedeutet, und ist unfassbarerweise dessen erstes Solo-Album seit 30 Jahren. Sanfte Lieder über die Freuden des einfachen Lebens, über die Frau, die sich im noch dunklen Haus die Haare wäscht, während er den Dunst über die Wiesen von Cornwall betrachtet. Musik wie ein Bild von Alfred Sisley, wie ein impressionistisches Gemälde. In Berlin trat Watt unlängst im Rahmen des „Foreign Affairs“-Festivals auf, vor vielleicht 50 Menschen, die andächtig auf dem Boden saßen und lauschten.

Okay, im Gegensatz zu Gilmour zählt Ben Watt wohl noch nicht zu den Dinos der Branche, obwohl 52 im Popkosmos ein reifes Alter ist. Die zehn Platten, die er mit seiner Gattin Tracey Thorn als Pop-Duo Everything But The Girl einspielte, werden dennoch bereits in den eingangs erwähnten Schmuckboxen neu aufgelegt. So ist das: Man kann den Popmarkt heute teilen in aufwendige Wiederveröffentlichungsboxen und teure Altmänner-Großkonzerte auf der einen Seite, und schnell rausgehauene Überraschungs-Clips, individualisierte Streams und eine unübersichtliche, in Mikroszenen ausdifferenzierte Stilvielfalt auf der anderen. In Dinosaurier und wimmelnde Insekten.

Aber manchmal überraschen auch vermeintliche Dinos mit jugendlichem Furor, wie aktuell Morrissey, der in Großbritannien kultisch verehrte Sänger der 80er-Jahre-Gitarrenpopband The Smiths, der uns nach jahrelanger Schaffenspause nun mit dem top produzierten und herrlich durchgeknallten Album „World Peace Is None Of Your Business“ überfährt.

Der wortmächtige Pop-Dandy ist ein Exzentriker alter Schule und schien sich bereits aufs Altenteil zurückgezogen zu haben. Auch sein musikalisches Wirken ist nahezu vollständig in jenen wiederholt erwähnten Luxus-Boxen kanonisiert. Mit seiner neuen Platte will es der nun auch schon 55-jährige Morrissey aber offenbar noch einmal wissen: Er beschimpft Politiker und Fleischesser, bezaubert mit dem lüsternen Popsong „Kiss Me a Lot“ und der selbstmitleidigen Ballade „Earth Is The Loneliest Planet“, lässt Flamencogitarren und Akkordeons auffahren, singt mit schönstem britischen Bariton – kurz: Es scheint noch einmal durch, wofür ihm vor 30 Jahren eine Generation einsamer, orientierungsloser, rebellischer Teenager zu Füßen lag. Größenwahn, Melancholie und Vegetarismus schienen ein eleganter Weg zu sein, und Morrissey schritt munter voran. Und ein bisschen kann Morrisseys Alterswerk daran erinnern.

Da verzeiht man auch den einen oder anderen dusseligen Vers, das eine oder andere zu fett aufgetragene Gitarrenriff, die zwei, drei missglückten Songs. Das passiert schließlich auch den besten.

Der Autor ist Chefredakteur des „Rolling Stone“ und lebt in Berlin