Film

Die Welt wird neu erdacht

Philippe Jeunet hat den Bestseller „Die Karte meiner Träume“ wunderbar verfilmt

Eigentlich müsste man diesen Film ganz anders besprechen. Nicht mit bloßem Text. Sondern mit kleinen Graphiken und Schaubildern am Rande. Wie viele Zuschauer im Kinosaal sitzen, zum Beispiel. Wie weit der Abstand zwischen den Sitzreihen und dem der ersten Reihe zur Leinwand beträgt. Oder wie die Mundmuskulatur im Verlaufe des Films immer weiter nach oben geht. Denn so hat Reif Larsen seinen Roman „Die Karte meiner Träume“ geschrieben. Und so hat Jean-Pierre Jeunet den Bestseller auch verfilmt.

Kleiner Nachfahre von Humboldt

Larsen unterrichtet an der Columbia University. Da werden ihm Diagramme und Schaubilder wohl ein verlässliches Mittel im Unterricht sein. In seinem Buch lässt er diese aber von einem zehnjährigen Jungen in der tiefsten Provinz von Montana anfertigen. Der beobachtet auf der Farm seiner Eltern nicht nur, wie seine Schwester Mais putzt, sondern zeichnet genau auf, wie man den Kolben schält oder mit welch sensationellen Regelmäßigkeit der Vater abends kleine und große Schlucke aus seinem Whiskeyglas nimmt. Dieses Erklär-Gen muss er von seiner Mutter haben, die seit Jahren an der Entdeckung einer seltenen Käferart elaboriert. Und wie sie trägt er all seine Beobachtungen in zahllose Notizbücher und Kladden ein.

So erklärt, so erkundet sich ein kleiner Junge – übrigens geradezu archaisch, jenseits von Google und Wikipedia – die große Welt da draußen. So verarbeitet er wohl auch das Trauma, dass sein Bruder sich in seinem Beisein versehentlich mit einem Gewehr erschossen hat. Auch das eine Tatsache, die erst in den Notizen am Rande der Buchseiten erscheint und erst später in den eigentlichen Romantext einfließt. Damit persifliert der Buchautor Larsen irgendwie auch Sekundär- und Wissenschaftsliteratur mit all ihren Querverweisen und dem Fußnoten-Wust.

Bis der kleine Junge vom berühmten Smithsonian Museum in Washington einen Preis bekommen soll: Die können ja nicht wissen, dass dieser T.S. Spivet, der ihnen all die Diagramme geschickt hat, erst zehn Jahre alt ist. Und so macht sich T.S. ganz allein auf den Weg in die ferne Hauptstadt, ohne es seinen Eltern zu sagen, stiehlt sich frühmorgens aus dem Haus, klettert wie ein Landstreicher auf einen Güterzug und sieht erstmals die große Welt mit eigenen Augen. Eine ganz buchstäbliche Er-Fahrung.

T.S. Spivet ist ein kleiner Nachfahre von Alexander von Humboldt, „Die Karte meiner Träume“ irgendwie auch eine Replik auf Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“, Jeunets Adapation der „Karte“ aber ein weit gelungenerer Film, als es Detlev Bucks vermessene „Vermessung“ war.

Der französische Regisseur war vielleicht nicht die nächstliegende Wahl bei einem Kinderdrama, das von der Eroberung Amerikas in umgekehrter Richtung, vom Westen in den Osten, handelt. Und doch wieder ganz folgerichtig. Denn auch Jeunets Filme sind stets mit höchst skurrilen, wenn nicht gar schrulligen Figuren bevölkert. Und wie Larsen in seinem Buch erzählt auch der Franzose in seinen Filmen nie linear, sondern gern mit Apercus und Einschüben, die die Handlung nicht zwingend vorantreiben, aber die Protagonisten trefflich näher bringen. Am eindringlichsten ist ihm dies in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gelungen, wo die Titelfigur ihre Umwelt nicht nur staunend beobachtet, sondern auch schmeckt und schnuppert und feinste Details aufnimmt, die jedem anderen entgehen muss. Der kleine T.S. Spivet ist Amélies kleiner Bruder, der ihr 13 Jahre später an Originalität in nichts nachsteht und mit denselben großen Augen in die Welt guckt.

Fast ist man aber gewillt, in diesem „Spatz“ (nichts anderes bedeutet der Name Spivet) auch Jeunet selbst zu erkennen, der sich diesen höchst eigenen, unschuldig-naiven Kino-Blick seit seinem Sensationsdebüt „Delicatessen“ von 1991 bewahrt hat und selbst in einem amerikanischen Mainstreamfilm wie „Alien 4“ hat unterbringen können. Die Karten und Schaubilder des kleinen T.S. malt Jeunet manchmal einfach auf seine epischen Bilder drauf. Kartographie und Kinematographie gehen hier eine sinnige Vermählung ein.

„Die Karte meiner Träume“ ist der zweite Amerika-Ausflug von Jeunet. Und die Fremde des Landes scheint ihm regelrecht entgegenzukommen, kann er doch hier genauso über amerikanische Eigenarten staunen wie sein kleiner Held. Wie in all seinen Filmen spielt dabei der kauzige Dominique Pinon eine kleine Rolle, er ist so etwas wie die rote Linie in Jeunets Oeuvre und gibt hier als erfahrener Landstreicher dem jungen T.S. entscheidende Tipps, wie er sich nach Washington durchschlagen kann.

Aber auch Schauspieler wie Helena Bonham Carter als leicht verrückte Wissenschaftsmutti oder Judy Davis als karrieregeile Kuratorin des Smithsonian fügen sich wie selbstverständlich in das Skurrilitäten-Kabinett des Jean-Pierre Jeunet ein, als hätten sie schon immer dazugehört. Und mit Kyle Catlett als Spivet hat der Regisseur ein wahres Talent fürs Kino entdeckt, bei dessen traurigem Blick irgendwann jeder Kinozuschauer das Taschentuch zücken muss.

Die absurdesten Windungen

Das Schönste aber: Jeunets Film funktioniert auch da, wo Larsens Buch rumpelt und stockt. An manchen Stellen hat es der Buchautor an Merkwürdigkeiten dann doch übertrieben und einen Seitenstrang gelegt, der dann nie zu einem Ende kommt. Das hat einen als Leser, der hübschen Grundstruktur und liebevollen Illustrierung zum Trotz, letztlich doch ein bisschen enttäuscht. Im Film aber sieht man nun alle Wendungen, die einem im Buch als zu viel des Guten erschienen, ausgelassen. Jeunet ist es bei der Lektüre offensichtlich genauso ergangen. Als er mit Guillaume Laurant, seinem langjährigen Koautor, das Drehbuch schrieb, hat er auf ebendiese Übertreibungen verzichtet.

Und auch das ist eine interessante Erfahrung dieses Films. Wenn Amerikaner europäische Bücher verfilmen, dann werden sie gern banalisiert, schablonisiert, fürs Mainstream-Publikum glattgebügelt. Und verlieren dabei oft genau die Originalität, die sie doch ausgemacht haben. „Die Karte meiner Träume“ ist der seltene umgekehrte Fall, wie ein Europäer ein amerikanisches Buch so adaptiert, dass es letztlich noch besser ist als die Vorlage, ohne ihren Geist dabei je zu verraten.