Auftakt

Zwischen Parodie und Glamour

5400 Besucher kamen zur First Night beim Classic Open Air auf den Gendarmenmarkt

Das Feuerwerk bricht gegen 22.45 Uhr überm Konzerthaus los. Das sechstägige Classic Open Air-Festival ist eröffnet. Ein gelungener Auftakt an einem warmen Sommerabend auf dem Gendarmenmarkt. 5400 Besucher sind gekommen. Und RBB-Moderatorin Madeleine Wehle begrüßt zu Beginn auch all jene, die es sich hinter den Absperrungen gemütlich gemacht haben. „Macht Euch mal bemerkbar“, sagt sie ins Unsichtbare hinein. Es wird fröhlich zurückgegrölt. Dabei war gut beraten, wer sich Sichtplätze weit vorn besorgt hat. Schließlich gibt es einiges zu sehen. Wer möchte nicht der Harfenistin Katrina Szederkenyi auf die flinken Finger sehen, oder den Mitgliedern des mystischen Theaters Feuervogel bei ihrer Akrobatik auf den Leib schauen. Nicht zuletzt sind eine Reihe TV-Gesichter bei diesem Kessel Kunterbuntes zu erleben. Und um es vorwegzunehmen: Der Abend lebt vom Breitband-Sound des Filmorchesters Babelsberg. Sie spielen ebenso routiniert wie erhaben über akustische Mängel des Platzes hinweg.

Es ist schon verblüffend, was Festivalleiter Gerhard Kämpfe in einer „First Night“ alles an Musikstilen, Akrobatik, Bühnenshow, Feuerwerk und guten Namen zusammenrühren kann. „Best of“ sagt man heute gern dazu, dabei ist diese Art Varieté eine Berliner Tradition. Und so hat dieser gut dreistündige Eröffnungsabend, bei aller Popigkeit, auch seinen altmodischen Charme. Jeder im Publikum kann sich nehmen, was ihm gefällt.

Das ist natürlich geschmäcklerisch. Sicherlich gehört die Schauspielerin Nora Tschirner, die sich mit ihrer noch jungen Band „Prag“ vorstellt, zu den Highlights. Die singende Schauspielerin gibt sich selbst bescheiden und kündigt sich mit „Hmm auf Grundeis“ an. Ihre Musik wird als nostalgischer Chanson-Pop angekündigt, man federt sich stilvoll durch die Takte. „Prag“ ist letztlich nur die Vorgruppe zu Til Brönner. Der Trompeter ist wieder cool bis in den gut sitzenden Anzug hinein. Und er ist ein verdammt guter Jazzmusiker. An diesem Abend setzt er vor allem auf das Virtuose. Irgendwann stürzt Lars Redlich in großer Pose auf die Bühne und singt „All Night Long“. Das Publikum nimmt den Musik-Comedian tatsächlich ernst. In den hinteren Reihen weiß keiner so recht, was er eigentlich will. Schön singen jedenfalls nicht. Die Parodie ist von Ferne kaum zu erkennen, der Gendarmenmarkt ist eben doch ein ziemlich großer Platz. Redlich singt seinen Klassiker, Bizets „Habanera“, mit Kopfstimme. Von da ab hat er das Publikum auf seiner Seite. Sein Auftritt zwischen Parodie und Glamour ist ein Lehrstück darüber, wie schwer es ist, einen großen Platz in Atem zu halten. Dennoch wird klar: Mit Lars Redlich wächst gerade einer der kommenden großen, vielseitigen Entertainer dieses Landes heran.

Was gestandene Profis sind, das macht zum Finale die alteingesessene Band „Silly“ deutlich. Anna Loos’ Stimme bringt einen ganz eigenen, kraftvoll warmen Ton ein. „Wo fang ich an“ ist eine atemberaubende Nummer, und bei „Bataillon d’amour“ fangen im Publikum sogar die ersten an zu tanzen. Was will man mehr zur Eröffnung.