Belletristik

Drei Flaschen Wein trinkt der Mann jetzt ganz alleine

„In dem Augenblick, als er sie sah, hatte er sein eigenes Alter vergessen.“

Ein wunderbarer Reflex, der einem im Laufe des Lebens – ein gewisses Alter vorausgesetzt – schon mal durchzucken kann. Die beiden begegnen sich auf einer Party in der Silvesternacht, der Sex ist stürmisch. „Sein Gesicht mag von Einsamkeit oder zu vielen Genüssen verwüstet sein, was genau in diesem Gesicht wohnt, lässt sich nicht sagen, aber das Verwüstete macht ihn schön“, heißt es in Tomas Espedals schonungsloser Liebesgeschichte „Wider die Natur“. Manchmal werden sie für Geschwister, meistens für Vater und Tochter gehalten. Das tut weh. Sie ist 24 Jahre alt, er sieht mit 48 wesentlich älter aus, als er ist. Noch ist ihnen das egal, sie sind glücklich. Sie lesen im Bett „Min Kamp“ von Karl Ove Knausgård, die Norweger Espedal und Knausgård sind schließlich im sogenannten richtigen Leben Freunde, wie es heißt.

Doch irgendwann passiert, was in einem auch noch so autobiografisch anmutenden Buch passieren muss, sonst wäre es keine Literatur, sondern bloß Abbild eines glücklichen Lebens (was wiederum ziemlich langweilig zu lesen wäre): „Sie will noch so viel erleben, muss so viele Erfahrungen machen, wie du sie auch gemacht hast, schreibt sie.“ Es ist also Schluss, und der Mann wird die Geschichten seiner Frauen schreiben – im Keller eines Häuschens am Meer. Die der ersten Freundin, die der verstorbenen Frau und die der letzten großen Liebe. Irgendwann werden die Zeilen im Buch immer luftiger. Man füllt diese Lücken allerdings mühelos mit eigenen Gedanken. Während Knausgård für seinen literarischen Radikalismus Tausende von Seiten für sich beansprucht, klaubt sich Espedal nur wenige zusammen. Und die haben es in sich. „Wider die Natur“ ist so ein Buch, das einen unerwartet von der Seite anspringt. Zuerst denkt man, so etwas doch schon zigmal gelesen zu haben, und dann bläst einen der Sturm der Fiktion um.

Es schmerzt und erzeugt Verständnis für einen Mann, der sagt: „Wir kauften immer drei Flaschen Wein und tranken zwei davon, jetzt trinke ich alle drei allein.“

Tomas Espedal: Wider die Natur, Matthes & Seitz Berlin, 180 Seiten, 19,90 Euro. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel