Jugend

Die Fußball-Haie erobern vom Wedding aus die Welt

Im Anfang war der Platz.

Der Sparrplatz zum Beispiel, genannt Sparri. Er liegt im Wedding, in dem auch jener „Käfig“ genannte Platz lag, auf dem die Brüder Boateng, neben Kevin-Prince, Jérôme noch der älteste Bruder George, das Fußballhandwerk von der Pike auf gelernt haben. Jérôme, der getrennt von seinen beiden Halbbrüdern im bürgerlichen Wilmersdorf aufwuchs, nahm den weiten Weg in Kauf, um hier mit den echten Kerlen zu kicken. Boateng hat auch im ersten Band der „Fußball-Haie“ ein folgenreiches Gastspiel bei einem PR-Auftritt an einer Schule im Wedding, als er nämlich dem Nachwuchstalent Pedro, elf Jahre, einen entscheidenden Ratschlag fürs Leben gibt: Nie aufzugeben. Pedro spielt Fußball und hat ein Problem: Da er kurz vor dem Stichtag geboren ist, muss er im Verein in der D-Jugend bei den Größeren mitspielen, wo er zu seiner großen Frustration immer nur auf der Ersatzbank sitzt. Mit Boatengs Maxime im Kopf beschließt Pedro, mit seinen ähnlich zurückgesetzten Freunden eine Freizeitmannschaft zu gründen, mit der nichts Geringeres als das Fernziel Bundesliga angestrebt wird.

Bei einer Apfelschorle im nahen „Dönerhimmel“, den der Vater von Kumpel Mehmet betreibt, wird die Gründung der Fußball-Haie beschlossen. Der erste Kampf ist gegen die „Knödel“ genannten Muskelprotze zu bestreiten, die den Sparri wie ihren Privatbesitz behandeln. Ein Fußballspiel soll die Machtfrage klären. Die junge Truppe um Pedro, Mehmet und Torhüter Zachi erweist sich bei der Öffentlichkeitsarbeit als mindestens so talentiert wie beim Kurzpassspiel: Mit Plakaten und Flyern wird ein kleines Fußballfest organisiert, sodass gleich auch die Schule und die Nachbarschaft mitbekommt, dass auf dem Sparrplatz eine Wachablösung stattfindet.

In jedem der bisher erschienenen vier Teile der Reihe wächst die kulturell bunt gemischte Truppe an ihren Herausforderungen, sie bestreitet ein Nachwuchsturnier in Hamburg unter den Augen von René Adler und muss im vierten Band sogar die Gentrifizierung des Wedding abwehren: Parkplätze statt Bolzplätze? Nicht mit uns, wie gut, dass in Berlin noch der Bürgermeister persönlich für die Belange der nächsten Generation eintritt. Fußball ist eine Integrationsmaschine, die sozialen Probleme außerhalb des Platzes werden nicht geleugnet, sondern im Teamgeist aufgehoben. Minimalkonsens des sozialen Zusammenlebens ist das Regelwerk. Bei all der ethnischen und sozialen Vielfalt, die hier abgebildet wird, ist allerdings eines unverständlich (und auch unrealistisch): Dass Mädchen in dieser runden Fußballwelt gar keine Rolle spielen. Vielleicht heben sich die Autoren das für einen der Folgebände auf. Besonders komplex sind die Geschichten nicht, sie leben ganz vom Wiedererkennungswert ihrer Helden.

Andreas Schlüter, Irene Margil: Fußball-Haie. Spieler gesucht! Fischer, Frankfurt/M., 96 Seiten, 7,99 Euro. Ab 6 Jahren