Literatur

Der norwegische Proust

Achtung, Suchtgefahr: Karl Ove Knausgårds hat sein Leben als Roman aufgeschrieben

Zuerst herrschte diese riesige Knausgård-Begeisterung in seiner Heimat Norwegen, mittlerweile hat sich auch Amerika mit dem Virus angesteckt. Es sind in Übersee derzeit Tausende von Lesern, die sich in die Lebensgeschichte Karl Ove Knausgårds hineinziehen lassen, die in der Biografie des Schriftstellers verschwinden, so wie dies vorher Millionen Leser in Europa getan haben. Der Mann, 1968 in Oslo geboren, ist eine Sensation – und auf seine Weise das größte literarische Ereignis seit längerer Zeit.

In sechs Bänden hat Knausgård, der vorher nur den Lesern in Skandinavien ein Begriff war, sein Leben als Mann, Sohn, Vater, Liebender, Norweger, Schriftsteller, als Kind, Heranwachsender, Erwachsender, als Intellektueller und Künstler beschrieben. Das Werk ist die Summe dessen, was es heißt, Mensch zu sein, ein Individuum unter anderen, den Zumutungen der Gemeinschaft ausgesetzt, aber unfähig, als Einzelgänger zu existieren. Im Original heißen die zwischen 2009 und 2011 erschienenen Bücher „Min kamp“, auf Englisch „My Struggle“, im deutschen Sprachraum jedoch natürlich nicht „Mein Kampf“ – die Hitler-Referenz ist bei Knausgård eine ironische Anspielung.

Alle Bände sind verwoben

Ganz ernst ist den Rezensenten mit ihren Vergleichen: Den „Proust Norwegens“ hat man ihn genannt und seine Bücher in die Nähe einer Droge gerückt. Sie machen süchtig, und über Literatur kann man das abseits von Potter- oder Vampirromanen ja nicht gar zu oft sagen. Manch einer wünscht Knausgård jetzt schon den Literatur-Nobelpreis, und wenn man im Falle seiner Autobiografie von einem gewaltigen Werk spricht, dann nicht nur aufgrund des üppigen Volumens. In einer bemerkenswert umfassenden und auf die trivialen Umstände des Alltags zielenden Erzählweise berichtet hier einer von dem, der er ist und warum er zu dem wurde, der er ist – unter Einbeziehung der Menschen, denen er in seinem Leben begegnet ist.

Auf Deutsch erscheint nun der vierte Band der Knausgård-Saga, er trägt den Titel „Leben“ und erzählt von den Teenagerjahren des jungen Karl Ove. Man ist ihm, dem Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester, bereits zuvor begegnet, in „Sterben“, dem ersten Band, der mit den frühen Jahren einsetzt. Knausgårds Umgang mit der Zeit und ihrem Fortschreiten ist kunstvoll, alle Bände sind miteinander verwoben und kreisen um ein Zentrum. Dieses Zentrum ist die Sache, die wir Erinnerung nennen. Knausgård muss Tagebuch geführt haben oder sein Leben in Notizen festgehalten, denn um was es ihm geht, ist ja gerade nicht die biografische Dramatik, die sich anhand prominenter Wendepunkte abbilden lässt. Es geht um das Alltägliche, in dem ein Leben langsam Form annimmt.

Ein Menschenfreund

In „Leben“ wird ein junger Mann beschrieben, der nach dem Abitur in die nordnorwegische Provinz geht, um dort als Aushilfslehrer sein Geld zu verdienen. Er hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater, der nach der Scheidung von der Mutter eine andere Frau heiratet und noch einmal ein Kind zeugt. Der Vater erscheint als seltsam emotional verstockter Mann, der in der Erziehung seiner Kinder viel falsch gemacht hat. In seinem neuen Leben fängt er an zu trinken.

Karl Ove will sein eigenes Leben führen, vor allem aber will er schreiben und Sex haben. Beides lässt sich nicht ohne weiteres ins Werk setzen. Knausgård zeichnet in vielen Worten den Weg des jungen Mannes nach, der er war. Ein unter Alkoholeinfluss keineswegs schüchterner Kerl, der Popmusik liebt, geil ist und seiner Peergroup bestehend aus Familienmitgliedern und Freunden erste literarische Versuche schickt. Er hat Angst, wenn er vor Siebenjährigen in der Schulklasse stehen muss, und hat trotz allem auch einen gewissen Idealismus, was das Unterrichten angeht. Karl Ove ist ein Menschenfreund.

Was ist es nun, was die Euphorie um diesen Autor hervorruft, der aus seinem Leben einen Roman gemacht hat und in einem Roman sein Leben zusammensetzt? Es ist die Wiedererkennbarkeit der Dinge, die eine Existenz ausmachen. Karl Ove Knausgard streitet mit seiner Frau, er langweilt sich mit seinen Kindern, er diskutiert mit seinen Freunden, er hadert mit seiner Zurückhaltung, die ihn in Gesellschaft sooft schweigen lässt, und paradoxerweise ist die Kehrseite dieses Schweigens die beredte Erinnerungswut, die er in „Min kamp“ zu Papier bringt. Gefühlt schreibt Knausgård über jede einzelne Zigarette, die er raucht, er beschreibt, wie er Essen zubereitet und welche Filme er sieht. Literatur wird dieses Referieren eines Lebens durch das nachträgliche Aneinanderreihen der Szenen. Natürlich folgt selbst die Länge von knapp 630 Seiten, die sich Knausgård für „Leben“ nimmt, den Regeln der Verdichtung. Würde jemand wirklich minutiös sein Leben beschreiben, es wäre literarisch ausufernd.

Knausgårds radikale Selbstbeschreibung hat ihn zu einem viel gelesenen Autor gemacht. Die Lektüre seiner Bücher ist eine beglückende Erfahrung.

Karl Ove Knausgård: Leben. Luchterhand. Übers. v. Ulrich Sonnenberg. 624 S., 22,99 Euro