Comic

Als Angela stolz das rote Halstuch trug

Der Wende-Comic: Wer das Leben in der DDR verstehen will, muss Mawils „Kinderland“ lesen

Die Mauerfallromane sind dann doch geschrieben worden. Was noch fehlte, war der große Wende-Comic. Der hier wäre: „Kinderland“ erzählt von Mirco Watzke, einem Siebtklässler mit Vokuhila, Kassenbrille und beginnenden Pubertätsproblemen, 1989 im Berliner Osten, wo seit 25 Jahren wieder die Berliner Mitte ist. Man könnte Mawils bisher umfangreichste Graphic Novel als gezeichneten Bildungsroman betrachten, als gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte. Man könnte sie in die Tradition des Kinder-Comics für Erwachsene stellen und den Helden neben Little Nemo, die Peanuts und die Digedags. Man könnte kunstkritisch den kühnen Strich der grafischen Erzählung loben und die Tempowechsel.

„Kinderland“ aber ist eine Sensation, ein Wunder der Wahrhaftigkeit, weil es das Dasein in der DDR genauer abbildet als jedes DDR-Museum und als alle Ostalgie-Lokale. Auf der ersten Seite wird ein Kinderzimmer vorgestellt, wie es tatsächlich aussah: Pittiplatsch, der Anarchist des DDR-Fernsehens, teilt sich das Regal mit einem Schlumpf. Die Abrafaxe aus dem „Mosaik“ stehen Mirco so nah wie Alf, der Außerirdische im ZDF. Im Alltag führen Ost und West eine friedliche Koexistenz. Der Westen war schon da im Osten, als die Mauer fiel. Der Westen hatte plötzlich einen Osten, den er, auch wenn er das abgebrannte Kinderland von Mawil heute weitgehend bevölkert, nie verstanden hat.

„Dritte Generation Ost“

Mawil heißt Markus Witzel, er war 13, als es mit der DDR zu Ende ging, wie Mirco Watzke. Niemand plagt sich mehr mit dem Phantomschmerz des verschwundenen Staates als die Wende- oder Zonenkinder. Sie haben ihr eigenes Label, die „Dritte Generation Ost“. Ihre Erinnerungen gleichen sich, sie waren Kinder, die Wende war ihre Pubertät. Sie leben von ihren Bildern, und auch sie müssen sich ihre DDR aus Büchern, Filmen und Museen rekonstruieren, bevor sie darüber Bücher schreiben, Filme drehen oder Ausstellungen kuratieren können.

Auch in Mawils „Kinderland“ kommt die Folklore nicht zu kurz. Trabanten knattern über löchrige Straßen, Mittwochs um ein Uhr heulen auf allen Dächern die Sirenen, es wird nackt in Brandenburger Seen gebadet, Pioniere sammeln Altstoffe, Halbwüchsige tauschen Depeche-Mode-Platten gegen Zylinderkopfdichtungen für ihr S-50-Moped, Schüler leisten „Produktive Arbeit“ in Fabriken, und der Sportlehrer trägt eine Trainingsjacke von der NVA, wie sie nach 1990 gern von Zugewanderten in halblegalen Clubs getragen wurde. Hot-Dog heißt Ketwurst und wird, weil das jetzt ein eingetragenes Warenzeichen ist, mit Doppel-T geschrieben, Kettwurst. Manches gibt es heute noch und wird von Westdeutschen in Ostberlin kultisch verehrt: die riesige Ernst-Thälmann-Büste im gleichnamigen Park in Prenzlauer Berg und die Kinderschallplatten vom Traumzauberbaum. Den Titel „Kinderland“ trug schon ein Album des Pankower Liedermachers Gerhard Schöne.

Das Dekor beglaubigt die Geschichte: Mirco Watzke steigt vom Streber und Angsthasen zum Star im Tischtennis auf. In allen Plattenbausiedlungen stehen betonierte Platten in den Höfen. Da trifft sich die Jugend, pubertiert und spielt chinesisch, jeder gegen alle, jemand spricht vom Massaker in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens. So erzeugt Mawil seine historischen Assoziationsstrudel. Peggy Kachelsky kommt in den dem Sommerferien 1989 nicht aus dem UngarnUrlaub zurück in die zur Schule, und Frau Kranz, die stramme Russischlehrerin, möchte ihr keine Träne nachweinen. Neben dem „Neuen Deutschland“ liest Frau Kranz heimlich im „Spiegel“, wie sich ihre Heimat leert. Der Lehrer mit dem Vollbart liest lieber im „Sputnik“, wie die Perestroika unter Gorbatschow voranschreitet.

Das Personal in „Kinderland“ zeigt, dass die DDR nicht, wie nach ihrer offiziellen und noch heute geltenden Quellenlage, ihre Insassen erfolgreich gleichgeschaltet hat. Im Gegenteil: Der woodyallenhafte Mirco Watzke lebt zwischen staatlicher Schule und katholischem Religionsunterricht, ein Pionier ohne kommunistische Träume und ein Christ ohne fundierten Glauben. Torsten Maslowski, sein Freund, ist weder Pionier noch Christ, sein Vater ist im Westen, seine Mutter in der DDR verloren, und er selbst fühlt sich verraten und verlassen. Torsten ist die Subkultur mit seinen Stiefeln, den rasierten Schläfen, seinem Jähzorn und der kriminellen Energie, er mag weder den Osten noch den Westen, möchte aber bleiben, wo er ist. „Na toll, alle hau’n ab!“ schimpft er oder: „Scheiß Osten!“

Und da ist Angela Werkel, die Vorsitzende des Gruppenrats, die ranghöchste Pionierin der 7a der POS Tamara Bunke. Stolz trägt sie ihr rotes Halstuch. Fragt der Lehrer: „Wofür steht der Zirkel in unserem Emblem? Ja, Angela?“ Ruft sie eifrig: „Die Intelligenz!“ „Genau“, freut sich der Lehrer: „Die Intelligenz!“ Schon klar: Vor 25 Jahren war Angela Merkel nicht mehr Thälmann-Pionierin, sie war FDJ-Kulturfunktionärin am Zentralinstitut für physikalische Chemie in Berlin-Adlershof. Was Mawil durch seine Figur erzählt, durch dieses mütterliche Mädchen, ist aber die Wahrheit.

Nachwendekarrieren waren in der Regel nicht der Lohn einer verhinderten Karriere in der DDR, sondern die konsequente Fortsetzung. Angela Merkel, Maybritt Illner, Carmen Nebel sind heute nicht trotz ihrer konformen Lebensläufe, wo sie sind. Sie sind es, weil sie in allen Systemen funktionieren. Gern würden wir Mawil bitten, eine Fortsetzung zu zeichnen und uns zu erzählen, was aus dem Systemverweigerer Torsten Maslowski wurde, als gezeichnete Komödie oder Tragödie.

Was aus Mirco Watzke wurde, wissen wir. Einer der besten deutschen Comickünstler in der Tradition des „Mosaik“. Wie Simon Schwartz und das Autorenduo Ulf S. Graupner/Sascha Wüstefeld macht Mawil kein Geheimnis mehr aus seiner künstlerischen Sozialisation. Bei ihm heißt einer Ronny Knäusel wie der Zonen-Superheld von Graupner/Wüstefeld in der grandiosen Heftchenserie „Das UPgrade“ über einen ehemaligen Pionier und „Mosaik“-Sammler, der unter Wende-Depressionen leidet und durch Raum und Zeit reist. Alle haben ihren Stil als Kinder schon am „Mosaik“ geschult, Mawil an Lona Rietschels Abrafaxen. Seine niedlichen und nerdigen Figuren haben ihn bekannt gemacht, von seiner Kunsthochschul-Diplomarbeit „Wir können ja Freunde bleiben“ über „Die Band“ bis zu „Supa-Hasi“. Mirco Watzke ist heute der Held der Vorgeschichte seines Werks, und „Kinderland“ ist keine ernste Graphic Novel zur Geschichte Deutschlands.

„Kinderland“ sollte schon vor fünf Jahren fertig werden, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Man kann nur ahnen, was da los gewesen wäre: Staatlich anerkannte Aufarbeiter hätten den munteren Melancholiker Mawil der Verklärung und Verharmlosung bezichtigt, vielleicht sogar der Verfälschung. Heute ist die Zeit auf seiner Seite, und die DDR wirkt wie ein Märchenreich, von dem nie zuvor so gern und viel erzählt wurde, dass Hinterbliebene der DDR darin ihr Land nicht mehr erkennen. Hier stimmt plötzlich wieder alles für den 13-Jährigen von 1989: Mirco Watzkes größte Sorge sind, neben den Mädchen und den Schlägern in der Schule, die verzagten Fluchtgedanken seiner Eltern.

Als die Mauer plötzlich offen steht, setzen sie ihn in den Trabant und zerren Mirco gegen seinen Willen durch den Wedding. Alles macht ihm Angst, der Ausflug gibt ihm recht: Von Lieferwagen werden Almosen verteilt und von den Banken Hundertmarkscheine. Der erste echte Comic, den er liest, ist „Knax“, das Kinderwerbeheft der Sparkasse. Auf den Antihelden wirft der Westen dunkle Schatten. Bei Woolwort, kauft sich Mirco vom Begrüßungsgeld eine Tischtenniskelle, er stünde jetzt lieber bei sich an der Platte als hier drüben im Supermarkt. „Ich kann nicht in den Westen, wir müssen unser Turnier machen“, erklärt er seinen Eltern. Und sein Schöpfer Mawil zeigt zum Abschied ein Autorenfoto aus dem Personalausweis von 1990 mit dem DDR-Stempel. „Ich spüre keine Ostalgie, ich spüre Nostalgie“, sagt er.

Mawil: Kinderland. Reprodukt, 300 S., 29 Euro