Musik

Energiebündel am Pult

Gustavo Dudamel ist ein Favorit für die Philharmoniker. Am Freitag muss er sich wieder in der Waldbühne beweisen

Als Gustavo Dudamel in der Waldbühne im Sommer 2008 bei den Berliner Philharmonikern debütierte, war das Publikum von dem lockenköpfigen Energiebündel überrascht. Seither war er regelmäßig in der Philharmonie anzutreffen. Wenn der Venezolaner am Freitag erneut in der Waldbühne das große Saisonfinale dirigiert, wird er bereits zum 34. Mal am Pult des Orchester stehen. Was auf eine engere Verbindung schließen lässt. Dudamel, 33, gilt als einer der heißen Kandidaten auf den Chefdirigenten-Posten, den Sir Simon Rattle 2018 frei gibt. Jetzt in der Waldbühne springt Dudamel für Rattle ein, der gerade zum fünften Mal Vater geworden ist und sich vorzeitig in die Babypause verabschiedet hat. Sein Einspringer Dudamel hat bei den Philharmonikern reichlich Fürsprecher.

Dudamel ist schon ein Phänomen. Das Publikum nimmt zuerst sein feuriges Temperament und sein sympathisches Auftreten wahr, die Musiker sprechen lieber von seiner Fähigkeit, Orchester zu animieren. Das ist an den Konzertabenden das Wichtigste. Der Lateinamerikaner tut alles, um andere zu überwältigen. Als Dirigent zählt er nicht zu den Grüblern. Es bleibt die Frage, was ihn im Innersten antreibt? Zumal in jeder großen Karriere auch ein Stück Kalkül steckt. 2008 dirigierte Dudamel ein lateinamerikanisches Programm. Er wollte etwas Vertrautes vorführen und bei dem Traditionsorchester nichts riskieren, sagte er später, jetzt stehen Brahms und Tschaikowsky auf dem Programm. Er, der Aufsteiger, ist im weltweiten Klassikbetrieb angekommen. Sein Herkunftsmilieu beschrieb er einmal als „arm an Geld und reich an Temperament“.

Ein Sozialprojekt in Venezuela

Dudamel, 1981 in Barquisimeto geboren, ist aus einem einzigartigen Musikerziehungsprogramm hervorgegangen, das sich „El Sistema“ nennt. Das soll kriminelle oder gefährdete Jugendliche von der Straße holen. Das Sozialprojekt geht auf José Antonio Abreu zurück, der 1975 die erste Orchesterprobe in einer Tiefgarage in der Hauptstadt Caracas veranstaltete. Elf Jugendliche kamen damals. Heute werden rund 300.000 Kinder in nahezu 200 Musikschulen betreut. Abreu war einst Ölmanager, dann Kulturminister, er ist Träger des Alternativen Nobelpreises und konnte bereits Millionen einsammeln, um multifunktionale Konzertsäle quer durchs Land zu errichten.

Das Prinzip ist einfach. Kinder aus den Slums bekommen ein Instrument anvertraut und lernen, in Gemeinschaft zu musizieren. Viele Jugendliche sehen in der klassischen Musik eine soziale Aufstiegschance. Es läuft ähnlich wie beim Fußball in Lateinamerika. Zum Vergleich: In Osteuropa wird eher geboxt, gemodelt und bei einem europäischen Grand Prix alles nieder gesungen. Es gilt vor allem, sich als Individuum durchzusetzen. Die Venezolaner setzen dagegen bei „El Sistema“ auf den Kollektivzwang. Es ist ein System mit strengen Regeln. Und das nicht nur, weil es in einem Land unter kommunistischer Führung gewachsen ist, sondern auch, weil Venezuela stark katholisch geprägt ist. Die Orchesterarbeit vor Ort erinnert an das Modell eines Vorbeters in seiner Gemeinde, der Dirigent hat seine Musikerschäfchen zum Guten in der Welt zu animieren.

Dudamel ist der prominenteste Prediger, der aus dem System hervorgegangen ist. Mit zehn Jahren kam er als Violinist in das Vorzeige-Jugendorchester, mit zwölf Jahren sprang er bei einer Probe als Dirigent ein, mit 18 Jahren wurde er Chefdirigent jenes Orchesters, dass inzwischen unter dem Namen Simon Bolivar Orchestra durch die Welt tourt. Bei den Berliner Philharmonikern ist übrigens auch Kontrabassist Edicson Ruiz aus „El Sistema“ hervorgegangen. Tatsächlich löste „El Sistema“ auch anderswo in der Welt Begeisterung aus, wurde als Education-Modell mehrfach kopiert. Und große Dirigenten entdeckten diese frische Kraftquelle für den Musikbetrieb. Claudio Abbado war der Erste, er unterhielt auch eine Wohnung in Caracas, von der aus er gute Kontakte nach Kuba pflegte. Der Italiener hatte Ende der 90er-Jahre mit seinem Mahler Chamber Orchestra eine Südamerika-Tournee absolviert und dabei eine Probe mit Dudamel besucht. Als damaliger Philharmoniker-Chef lud er das Orchester 2000 nach Berlin ein. Zwei Jahre später kam das Orchester wieder, da war bereits Sir Simon im Amt. Rattle bot Dudamel an, ihm drei Monate lang zu assistieren. Das war 2004. Dudamel erinnert sich daran, dass er sich buchstäblich Tag und Nacht in der Philharmonie aufhielt, denn er wohnte privat bei einem Freund außerhalb Berlins – und manchmal schlief er im Saal einfach ein.

Ständchen für den Papst

Mit seiner Karriere ging es von da ab steil bergauf: Im selben Jahr gewann er den Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb, zwei Jahre später nahm er seine erste CD für die Deutsche Grammophon auf. 2007 wurde er Chef der Göteborger Symphoniker, in dem Jahr dirigierte er ein Geburtstagskonzert für den Papst im Vatikan. Seit 2009 ist er Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

Bei aller Leidenschaft, sagen Berliner Musiker, gehöre Dudamel auch zu den am besten vorbereiteten Dirigenten. Er probt die Stücke bereits auswendig. Was auch damit zusammen hängt, dass Dudamel über ein seltenes fotografisches Gedächtnis verfügt, was bis in die Taktzahlen hinein funktioniert. Bereits am 2. September wird Dudamel wieder in der Philharmonie sein, dann am Pult von Daniel Barenboims Staatskapelle. Er eröffnet das Musikfest Berlin und damit die neue Klassiksaison.

Waldbühne 27. Juni um 20 Uhr Ticket-Hotline: 01806-570070