Rod Stewart

Abgeklärt, aber hingebungsvoll

Tänzeln, Luftgitarre spielen, das Hemd aufknöpfen: In der O2 World geht Rod Stewart auf eine Charme-Tour

Man kennt Rod Stewart, weil sein Welt-Hit „Sailing“ millionenfach verkauft und zwingend von unzähligen Freizeitgitarristen an Lagerfeuerrunden von Jugendfahrten gespielt werden muss. In meinem Elternhaus gab es keine seiner Platten, Reibeisenstimme hin oder her. Ich war nicht ganz so abgeneigt, hörte manchmal auf einer Kassette Stewards größte Schmusehits.

Rod Stewart kann man lieben, irgendwie okay finden, oder man enthält sich der Meinung, weil er einem egal ist. Gehasst wird Stewart jedenfalls nicht, obwohl er vor einem Jahr im Ruhrpott eine Show abbrach, wegen eines Ballwurfs aus dem Publikum. Ob es nun Eitelkeit oder Fürsorge war: Was Rod Stewart damals zum Rückzug bewogen hat, ist unwichtig. Das Konzert am Dienstagabend wird jedenfalls in voller Länge stattfinden, die signierten Fußbälle, die Stewart während des Konzerts ins Publikum schießen wird, werden brav mitgenommen und fliegen nicht zurück auf die Bühne.

Die Männer haben Stewart zuliebe Fußballtrikots von Celtic-Glasgow (Steward ist Halb-Schotte) an, es gibt einige Frauen, die ein Fan-Shirt ihres Idols tragen. Manche haben sich sogar ebenfalls in Trikots geschmissen. Eigentlich kann man überhaupt froh sein, dass Stewart heute auftritt, schließlich ist der Mann ein Fußballfan erster Güte. Auch auf der Schlagzeugtrommel prangt das Logo von Celtic-Glasgow. Während Stewart „You’re in my heart“ singt, laufen im Hintergrund Fußballszenen seines Lieblingsclubs. Aber England muss nun ohnehin das Turnier verlassen, die Schotten haben sich nicht qualifiziert, und Stewart ist ein wahrer Showman, der das Turnier notfalls hinter der Bühne streamt. Für diese Theorie spricht, dass er nach einer Pause zurückkommt, um die Spielstände zu verkünden.

Modetechnisch auffällig

Abgeklärt, aber hingebungsvoll singt Stewart seine großen Hits („Sailing“, „Maggie Mae“, „The first cut is the deepest“, „I don’t want to talk about it“), zwischendurch macht er Kunststücke mit seinem Mikroständer, tänzelt, posiert und spielt Luftgitarre. Zu „Tonight is the night“ lässt er einen Mond untergehen, während „It’s a heartache“ entfalten sich Rosenblüten, bei „Listen to my heart“ setzt er sich auf den Schoß einer seiner Backgroundsängerinnen. Die Sängerinnen zeichnen sich nicht nur als Sitzgelegenheiten und durch großartige Stimmen aus, sie spielen auch Schlagzeug, Trompete und Saxophon.

Doch Stewart gibt nicht nur ein Best-of-Konzert, er hat ein neues Album aufgenommen. „Time“ heißt es und auf dem Cover, das immer wieder eingeblendet wird, sieht man den Sänger am Strand entlanggehen, der Wind bläst in die offene Lederjacke, eine Gitarre steckt unter seinem Arm. Die neuen Stücke sind solide Popnummern, die nicht ganz so viel Begeisterung entfachen wie seine Hits. Zum neuen Stück „Brighton Beach“ ziehen Schnappschüsse aus Stewarts Karriere auf den Großleinwänden vorbei. In den 70ern war der Sänger auch modetechnisch aufgefallen, damals trug er enge Spandex-Hosen mit Tigerprint zu aufgeföhnter Glam-Rock-Matte oder posierte unerschrocken in enger Speedo und bauchfreiem Unterhemd. Auf dem Album „Blondes have more fun“ stellte er dann die alles entscheidende Frage: „Da ya think I’m sexy?“ Von den Frauen wurde sie damals mit einem klaren Ja beantwortet.

Rod Stewart ist mittlerweile 69, nur ein wenig älter als Debbie Harry. Während Blondie am Montag in wildem Glitzerkleid mit lustig aufgerissenem Comic-Mund im Tempodrom auftrat, belässt es Stewart heute meist beim klassischen Look. Zunächst trägt er eine enge, schwarze Hose zu einem glänzend weißen Jackett, an dessen Revers eine rosarote Blume prangt, ein ebenso weißes, etwas zu weit aufgeknöpftes Hemd und eine gestreifte Krawatte, die der Sänger immer weiter lockert, gelbe Turnschuhe und Jackett werden folgen. Über dem echten Rod hängt eine Videoleinwand, auf die jeder, selbst wer in den vordersten Reihen sitzt, ständig starren muss. Absurd, dass mittlerweile eine Aufzeichnung dem, der live vorne steht, vorgezogen wird.

Neben Rock und Discosongs sind es die Liebeslieder, die Rod Stewart auf der Platte hat, die besonders überzeugen. „Have I told you lately“ ist ein Klassiker, dem Rod’s typische Kratzstimme genau die richtige Portion Seligkeit verleiht. Laut Stewart – und er muss es wissen – handelt es sich außerdem um einen der meistgespielten Hochzeitssongs. Aber der Sänger hat nicht nur lauschiges im Programm. Sexy finden sie ihn auch heute noch, die Frauen in der O2 World. Vor allem, wenn er lässig sein Hemd aus der Hose zieht und immer wieder den einen um den anderen Knopf seiner Hemden aufknüpft. Zum Schluss spielt er das unselige „Da ya think I’m sexy?“ launig mit Ballermann-Strohhut vor animierten Discokugeln. Zur Parodie fallen bunte Ballons von der Decke, dazu veranstalten Stewart und Band eine Polonaise. Ja, heute bezeichnet auch er selbst diese Phase seines Schaffens als „schwierig“. Wie es sich für einen Fußballfan gehört, beschließt Stewart den Abend nach zwei Stunden um kurz vor zehn. Pünktlich zu den zweiten Spielen.