Bühne

Wenn sechs Kerle als Stripper ihre letzte Chance sehen

Furios: „Ladies Night“ im Hans Otto Theater in Potsdam

Wer bis aufs letzte Hemd alles verloren hat, der kann auch gleich komplett die Hosen runter lassen. Finden die sechs Kumpels, zu denen das Leben gerade nicht nett ist. Und beschließen: Was die Chippendales können, kriegen wir auch hin. Sie gründen eine Männerstrip-Truppe. Blank ziehen, Kohle kassieren, von Frauen begehrt werden. So der Plan. Dabei vergessen sie die Kleinigkeit, dass zum Strippen ein paar weitere Fähigkeiten zumindest zweckdienlich sind, die ihr Tanztrainer grausam auf den Punkt bringt: Koordination, Fitness, Technik, Timing und Grazie. Wie solche Hühnerbrust- und Bierbauchträger von nebenan es dennoch schaffen, Herzen im Sturm zu erobern, das füllte 1997 unter dem Titel „The Full Monty“ (in Deutschland „Ganz oder gar nicht“) bereits die Kinokassen.

Herrliche Schrulligkeiten

Das entsprechende Bühnenstück von Stephen Sinclair und Anthony McCarten heißt „Ladies Night“. Regisseur Andreas Rehschuh hat es fürs Potsdamer Hans Otto Theater als Sommerproduktion im Gasometer inszeniert und startet dabei sehr gemächlich. Die Kennenlerngeschichte dieses liebenswürdigen Loser-Sixpacks gerät unnötig umständlich, obwohl Jan Steigerts runtergekommenes Industriegebiet-Garagen-Arrangement auf der Bühne das perfekte Ambiente liefert. Nach der Pause des gut zweistündigen Abends aber laufen die Figuren plötzlich zu Form auf, entfalten detailliert all die Schrulligkeiten, mit denen sie so großzügig ausgestattet sind. Trotz der kühlen Temperaturen am Premierenabend ist es wunderbar herzerwärmend, wie die Auszieh-Amateure sich zu „Sex Bomb“ aus den Klamotten wursteln, eine schräge Schlüpfer-Parade präsentieren und sich ungelenk frei tanzen. Wie sie für einen kurzen Moment alles vergessen, den Zoff zuhause, die Geldsorgen. Gavin (Philipp Buder) trägt rosa Stulpen, Dave (Eddie Irle) permanent ein blaues Auge, Eugen (Friedemann Eckert) glaubt immer noch, auf die Größe käme es an und findet sich unterbestückt. Graham (Jörg Seyer) hat seiner Frau nicht erzählt, dass er arbeitslos ist. Und Barry (René Schwittay) wickelt sich heimlich zwecks Fettreduzierung die Wampe in Frischhaltefolie ein. Die überzeugendste Figur von allen gibt Holger Bülow als sauber auf den Punkt gespielter vertrottelter Nerd Norman ab, der außer Mutti bislang offenbar nur wenig soziale Kontakte hatte und rührend aufblüht.

Männer eben. So wie sie niemals sein wollten, aber dennoch sind. Was sie niemals zugeben würden, wären sie nicht unter sich. Und dann kommt er, der große Abend. Der Auftritt. Hier zünden Regisseur und Darsteller nun wirklich noch ein echtes Feuerwerk, das über den schleppenden Anfang hinwegtröstet. Die Jungs tanzen um ihr Leben. Sie reißen sich die Kleider vom Leib, es fliegen Wäscheteile und Kuscheltiere. „You can leave your hat on“ ist der Soundtrack dazu. Ob sie ihn, den Hut, als letztes Kleidungsstück am Ende noch ablegen? Da hilft nur eins: hingehen und hingucken.

Hans Otto Theater (im Gasometer), Schiffbauergasse 11, Potsdam. Wieder: 27. Juni, 21 Uhr.