Klassik-Kritik

Tugan Sokhiev dirigiert Brahms voller Härte

Saisonfinale des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin

Was ist nur los mit Tugan Sokhiev? Ende Mai noch elektrisierte er am Pult der Philharmoniker. Im Januar gelang ihm als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) eine wunderbar durchlebte Zweite von Mahler. Zeitgleich wurde bekannt, dass der Russe, Jahrgang 1977, mit sofortiger Wirkung Musikdirektor des Moskauer Bolschoi-Theaters wird. Er hat einen wirklich guten Lauf. Doch nun eine Ernüchterung. Ausgerechnet das Saison-Finale seines Berliner Orchesters verpatzt Sokhiev.

Und ausgerechnet mit Brahms’ Klavierquartett in der attraktiven Orchesterfassung von Arnold Schönberg. Wer dieses Werk vor kurzem mit den Philharmonikern unter Iván Fischer lieb gewonnen hat, erkennt es jetzt in der Philharmonie kaum wieder. Warum bloß dieser unerbittlich gehärtete Tonfall, dieses eisige Dauerfortissimo, diese gehetzten Tempi? In den ersten drei Sätzen scheinen Sokhiev nicht nur die Feinheiten der Brahmsschen Kompositionstechnik entgangen zu sein.

Sokhievs soldatisch marschierender Einheitsklang schmeichelt weder Brahms noch Schönberg. Und schon gar nicht seinem Orchester, das sich eigentlich in engagierter Spiellaune befindet. Denn den Musikern liegt sehr daran, ihrem scheidenden Konzertmeister Bernhard Hartog einen ehrenvollen Abschied zu bereiten. Der Geiger ist ein in Berlin und Bayreuth hoch geschätzter Orchesterprofi. Der gebürtige Bielefelder hatte zunächst bei den Philharmonikern begonnen und war 1980 als Erster Konzertmeister zum heutigen DSO gewechselt.

Und zum Glück schafft das Orchester den Stimmungswechsel noch – mit Brahms’ ungarisch wirbelndem Finalsatz. Schönbergs effektschwangere Transkription sorgt für höchste Applausgarantie. Kaum zu glauben, dass Sokhiev erst ab hier die Musik wirklich ansprechend gestaltet. Auch in Schostakowitschs erstem Violinkonzert zuvor machen sich Dirigentenschwächen bemerkbar. Neben der abgründig kreiselnden Lisa Batiashvilis wirkt das Orchester beinahe behäbig.

Die georgische Geigerin, Jahrgang 1979, war kürzlich mit Daniel Barenboim auf dem Bebelplatz gefeiert worden. Die Künstlerin reißt jetzt wieder umgehend die volle Aufmerksamkeit an sich. Fasziniert mit vollschlankem, intensiv glühendem Geigenton. Sie lässt ihr Gesicht immer wieder unter wilder brauner Mähne verschwinden, ihre makellos virtuose Spieltechnik schwebt weit über dem Orchester. Dass dieses aufwühlende Schostakowitsch-Konzert eine Spur zu klar und geputzt in die Philharmonie dringt, liegt nicht an ihr. Vermutlich hat der mittlerweile viel beschäftigte Sokhiev das anspruchsvolle Konzertprogramm doch etwas unterschätzt.