Konzert

Ein bisschen Romantik, ein bisschen Verruchtheit

Die amerikanische Pop-Lolita Lana del Rey trifft in Berlin auf ein euphorisches Publikum

Auf den ersten Blick scheint die Zitadelle Spandau nicht der geeignetste Ort für die Sängerin Lana del Rey zu sein. Ihre Musik schreit nach dem zitternden Neonschein eines nächtlichen Highway-Diners, nach dem Rotlicht eines heruntergekommenen Casino-Ballrooms, nach der verblichenen Kulisse eines zweitklassigen Sixties-Hollywood-Dramas. Als die Sonne sich verzieht, wird es etwas kühl an diesem Freitagabend in Spandau. Die mehr als 6000 mehrheitlich weiblichen Fans, viele tragen Blumen im Haar, stört das überhaupt nicht. Sie schwelgen in hemmungslosem Jubel, als die Königin der Retro-Coolness Punkt 20.30 Uhr für ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr charmant lächelnd im weißen Minikleidchen auf die Bühne schreitet, um neben ihren Hits von „Born To Die“ bis „Summertime Sadness“ auch einige Songs ihres neuen, von Black-Keys-Musiker Dan Auerbach produzierten Albums „Ultraviolence“ live aufzuführen.

„Cola“ singt sie zum Auftakt, wie schon vor gut einem Jahr bei ihrem letzten Berlin-Gastspiel im Velodrom. Sie wird mit frenetischem Kreischen gefeiert. „Wow!“ entfährt es ihr beim Blick übers Publikum. „This is so special. We love you so much!“ Die Sängerin mit der beschwörend dunklen Stimme, die urplötzlich in höchste Höhen ausbrechen kann, hat die Regeln des Popgeschäfts verstanden und sich eine klug durchgestylte Bühnenfigur erschaffen. Aus der blonden Elizabeth Woolridge Grant, Tochter aus gutem New Yorker Hause, wurde die Stilikone Lana del Rey. Ein Popstar, eine ganz den amerikanischen 50er- und 60er-Jahren verpflichtete Entertainerin, die vor drei Jahren mit höchst zeitgemäßen Nachtclub-Songs, juvenilen Crooner-Balladen und tatkräftigem Internet-Einsatz zum Gesicht und zur Stimme ihrer Generation wurde.

Ihr erster Titel „Video Games“, den es später natürlich auch live zu hören gibt, erreichte innerhalb eines Monats mehr als eine Million Aufrufe. Bis heute wurde das mit Versatzstücken aus Homevideos und Hollywoodfilmen zusammengeschnittene Video mehr als 57 Millionen Mal angesehen. Das erste Major-Album „Born To Die“ verkaufte sich weltweit mehr als fünf Millionen Mal. Es sind solche Rekorde, an denen im Pop der Erfolg gemessen wird. Mit „Ultraviolence“ wird sie den noch einmal toppen. Eines ist klar: das kurzlebige Youtube-Phänomen, als das die inzwischen in Kaliforniern lebende Musikerin gern abgetan wurde, ist Lana del Rey nicht.

„West Coast“ ist das erste neue Stück des Abends. Vier versierte Musiker an Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug stärken ihr den Rücken. Lana del Rey bleibt ihrem Konzept weitgehend treu. Sie spielt mal die schmollmündige Lolita, mal das von Todessehnsucht getriebene Girl-Next-Door. Ein Bad Girl, das auf der Bühne auch schon mal zur Zigarette greift. Hier ein bisschen „Mad-Men“-Ästhetik, da ein bisschen Hippie-Romantik, dann wieder großes Gefühlskino mit dem passenden Soundtrack, inzwischen mit Rockgitarren verfeinert.

Dabei sind die Songs von Lana del Rey, die am Sonnabend 28 Jahre alt wurde, durchaus nicht nach gängigem Schema gestrickt. Sie schert immer wieder aus, spielt mit Tempowechseln wie in „West Coast“, lässt Twang-Gitarren flirren, nutzt jede Menge Hall-Effekte, baut auch mal atonale Schlenker in ihre flächige Klangwelt ein. Und sie beweist sich als stimmversierte Sängerin mit einer betörenden Alt-Stimme. Sie hat die Fans auf ihrer Seite und sie weiß, was sie ihnen schuldig ist. Das All-American-Girl steigt von der Bühne, lässt sich fotografieren, schüttelt Hände, gibt Autogramme. Ein Markenartikel zum Anfassen. Das viertelstündige Stück „National Anthem“ steht am Ende eines mit gut 70 Minuten auch etwas kurzen Abends. Der Applaus ist euphorisch. Lana del Rey kehrt dennoch nicht mehr auf die Bühne zurück.