Interview

„Berliner Schnauze? Find’ ich gut“

„Fack ju Göhte“-Star Karoline Herfurth über ihr Studium auf Teilzeit, Patchworkfamilien und Jogi Löw

Seit sie mit 15 Jahren entdeckt wurde, hat sich Karoline Herfurth zum Star entwickelt. Von „Das Parfum“ über „Im Winter ein Jahr“ bis zum Oscar-Gewinner „Der Vorleser“. Der Erfolg von „Fack ju Göhte“ machte sie dann noch einmal populärer. Jetzt ist die charmante Berlinerin, gerade 30 geworden, in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ zu erleben, nach den erfolgreichen Kinderbüchern von Andreas Steinhöfel. Der Film feierte am Sonnabend in der Kulturbrauerei Premiere und kommt am 10. Juli in die Kinos. Wir trafen die Schauspielerin vorab im Hotel de Rome, wo sie mit uns über ungewöhnliche Familienverhältnisse und den Popularitätsschub nach „Göhte“ sprach.

Berliner Morgenpost:

Sind Sie eigentlich Fußball-Fan?

Karoline Herfurth:

Nur so halb. Ich habe mal einen Fußballfilm gedreht, „Eine andere Liga“, in der Zeit hab ich mich etwas schlauer gemacht. Das hat sich aber auch wieder eingedämmt. Ich liebe WM- und EM-Spiele gucken. Bei denen kenn ich sogar die Spieler. Sagen wir so: Immer wenn Jogi Löw auf dem Feld steht, guck ich zu.

Stimmt es, dass Löw Ihr größter Fan ist?

Er hat mir einen Brief geschrieben. Das erfüllt mich wirklich mit Stolz. Ich hab auch einen zurückgeschrieben. Aber ich fürchte, der kam nie an. Ich hatte ja keine Adresse, ich hab das an den Deutschen Fußballbund geschickt. Ich werde ihm noch mal einen schreiben.

Wie ist es dann, just am Tag eines Deutschlandspiels Filmpremiere zu haben?

Es ist ja eine Kinderfilmpremiere. Die ist nachmittags. Danach ist Kinderparty. Und dann werden wir gemeinsam Fußball gucken. Das wird super.

In „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ dürfen Sie mal wieder so richtig schön berlinern. Sie scheinen das sehr zu lieben?

Klar. Ich bin ja damit groß geworden. Das steckt in Fleisch und Blut, da bin ich auch stolz drauf. Es ist auch, das muss ich zugeben, der einzige Dialekt, den ich kann. Ich scheitere kläglich an Bayrisch, sogar an Sächsisch, obwohl ich sächsische Wurzeln habe.

Das Idiom wird ja immer gern als Berliner Schnauze bezeichnet. Ist das ein Schimpfwort oder ein Kompliment?

Kommt darauf an, wer es sagt! Ich würde es als Kompliment empfinden. Berliner Schnauze, Berliner Schnoddrigkeit, das meint doch eigentlich, dass man ehrlich und direkt ist und frei Schnauze redet. Ist doch sehr positiv. Klar gibt es Situationen, da muss man nicht jedem sagen, was man denkt. Aber ich weiß immer gern, woran ich bin.

Alle Erwachsenen in „Rico“ sind Stars. Warum machen Schauspieler so gern in Kinderfilmen mit? Um potenzielle Kinder, Nichten, Enkel zu beeindrucken?

Kinderfilme bieten einfach oft die Möglichkeit, extreme Seiten auszuprobieren. Weil die Rollen überzogener oder auch mal fantasievoller sind. Da kann man mal ein bisschen ausbrechen. Mit Kindern agieren ist auch eine Herausforderung, weil du mit denen anders spielen musst. Ich habe selber sehr früh angefangen, ich weiß, was das heißt.

Sie spielen eine allein erziehende Mutter. Sie selbst sind aber ganz anders groß geworden – und mit vielen Geschwistern?

Am Ende waren es sieben. Ein Vater, drei Mütter. Wir sind eine absolute Patchworkfamilie. Ich habe eigentlich in zwei Familien gelebt, wir sind auch ziemlich viel umgezogen in Berlin. Ich bin in einem sehr unkonservativen Umfeld groß geworden. Und bin solchen unkonventionellen Konstellationen, wie sie sich in „Rico“ widerspiegeln, sehr verbunden. So lange das Wichtigste gegeben ist: die Liebe zu dem Kind.

Planen Sie auch mal eine Familie in solchen Dimensionen?

Oje. Schauen wir mal.

Sie sind gerade 30 geworden. Und drehen, seit Sie 15 sind. Die Hälfte des Lebens – wie fühlt sich das an?

Für mich normal. Ich kenn es ja nicht anders. Es ist allerdings ein neues Gefühl, 30 zu sein. Ich hatte Anfang des Jahres ein bisschen schlechte Laune. Und stellte fest, dass das damit zu tun hatte. Ich hatte auch eine Stilkrise und habe zwei Drittel meines Kleiderschranks ausgemistet. Ich dachte, das bin ich einfach nicht mehr. Ich hab mir auch endlich mal die Haare so schneiden lassen, wie ich wollte. Ich bin da, seit ich 15 bin, fremdbestimmt, ich hatte nie die Hoheit über meine Frisur. Ich muss aber sagen: Ich habe bislang ein volles Leben gehabt. Und bin sehr dankbar dafür. Und ich habe Vorbilder, die hatten alle nie Angst, sich noch mal neu zu definieren, neu anzufangen. Wie meine Mama, die mit 30 noch mal anfing zu studieren. Deshalb hab ich keine Angst davor, dass etwas vorbei sein, dass ich etwas verpasst haben könnte.

Sie studieren selbst, Sozialwissenschaften. Wie geht das mit dem Beruf zusammen?

Schlecht. Ich hab 2008 angefangen und studiere auf Teilzeit. Nach Regelstudienzeit müsste ich jetzt schon den Bachelor haben, aber durch zwei Urlaubssemester schaffe ich das erst in einem Jahr. Dann hab ich zwei Drittel. Mein großes Ziel ist es, mit 35 fertig zu sein. Das ist realistisch. Dann hab ich elf Jahre studiert. Das ist natürlich krass, aber anders halt nicht zu machen.

Wenn man Politik in der Hauptstadt studiert, verändert das auch den Blick auf die eigene Stadt? Wenn man vor den Mauerresten, dem Holocaust-Mahnmal steht?

Nicht nur auf die Stadt. Ich glaube, auf die ganze Gesellschaft. Dir werden in dieser Fakultät einfach die Augen geöffnet für die Gesellschaft. Du begreifst, wo sich eine Stadt wie Berlin gesellschaftlich einordnet, wie andere Städte oder ländliche Bereiche unterschiedliche Lebensvoraussetzungen haben und entsprechende Denkweisen und Perspektiven aufs Leben. Darüber habe ich mir vorher nie so Gedanken gemacht.

Denken Sie bei all dem Doppelstress manchmal: Fack ju, Uni?

Nein. Doch. Ich hatte im Herbst eigentlich entschieden, das Studium abzubrechen. Ich hab mich dann aber so unwohl gefühlt, dass ich es nicht getan habe. Das ist mir einfach zu wichtig. Ich glaube nicht, dass es mir darum geht, einmal die Schauspielerei zu beenden, aber ich würde mich halt gern erweitern.

„Fack ju Göhte“ war Ihre erste komische Rolle. Und plötzlich konnte man erleben, welch komödiantisches Talent Sie haben. Warum hat das so lange gedauert?

Na, eigentlich war das schon „Zettl“. Helmut Dietl hat das wirklich in mir gesehen: Die kann komisch. Versteh ich auch nicht, warum das so lang gedauert hat. Aber ist doch schön. Ich konnte mir einen neuen Bereich erschließen. Das ist ja auch ein Geschenk. Und ich verspreche: Das war noch nicht alles!

„Göhte“ hat Ihre Popularität noch mal angeheizt. Hat das auch Konsequenzen für den Alltag?

Definitiv. Du gehst nicht mehr so unbekümmert aus dem Haus. Wenn ich von der S-Bahn zur Uni laufe, trage ich jetzt immer Sonnenbrille, auch bei Regen.

Und wie ist das in der Uni?

Ganz easy. Die Kommilitonen und auch die Professoren sind alle sehr respektvoll. Also ich habe da keine unangenehme Erfahrungen gemacht. Und ich studiere ja schon seit ein paar Jahren.