Bühne

Rattle erklärt Barenboim zum Familienmitglied

Jubiläumskonzert in der Philharmonie: Stehende Ovationen beim Gipfeltreffen

Simon Rattle betritt die Bühne und sorgt zunächst für Verwirrung. Sein Pult steht in Richtung des Publikums und er sieht aus, als wolle er etwas sagen. Was Sinn macht, denn der Mittwochabend ist angekündigt als das „Jubiläumskonzert anlässlich der 50-jährigen künstlerischen Freundschaft Daniel Barenboims und der Berliner Philharmoniker“. Aber Daniel Barenboim wartet noch hinter der Bühne – und Sir Simon sagt nichts, sondern hebt plötzlich den linken Arm.

Zarte Musik ertönt, aber man weiß nicht so recht, woher sie kommt. Die Blicke suchen sich hoch in den Rang, wo das kleine, von Duncan Ward geleitete Fernensemble zu entdecken ist. Charles Ives’ „The Unanswered Question“ beginnt leise. Oben in der Mitte thront der Trompeter, links und rechts je zwei Flötisten. In der Philharmonie wird acht Minuten lang zur Musik des Amerikaners der Raumklang zelebriert. In dieser Zeit macht der Trompeter sieben Anläufe, eine musikalische Frage zu stellen. Es geht um die ewige Frage nach der Existenz. Antworten gibt es keine, nur Streicherflächen und hilfloses Aufmucken.

Sir Simon lässt gleich das nächste Stück anschließen: Richard Strauss’ „Metamorphosen“. Es ist eine schöne Idee, die beiden Stücke zu kombinieren. Sie sind sich näher, als man denkt. Ob alte oder neue Welt – beide Komponisten stellen in ihrer jeweiligen Klangtradition Fragen, auf die sie keine Antworten geben können, aber Stimmungen verbreiten. Strauss, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, war lange Jahre mit den Berliner Philharmonikern verbandelt. Seine Metamorphosen von 1945 sind ein spätes Stück voller Resignation. An diesem Abend gibt es Strauss im Schönklang, aufgeführt wird die Fassung für 23 Solostreicher.

Nach der Pause betreten Rattle und Barenboim gemeinsam das Podium. Der Pianist bekommt seine Vorschusslorbeeren, er zieht den Dirigenten mit nach vorn. Tatsächlich lässt Rattle an diesem Abend in herzlicher Bescheidenheit seinem Pianisten den Vortritt. Die beiden schätzen sich, das ist deutlich spürbar. Ganz am Ende, bevor Barenboim noch eine Zugabe gibt, wird Rattle noch zum Mikro greifen und Barenboim ein paar herzliche Sätze sagen wie: „Du bist Familie!“ Am 12. Juni 1964 hatte Daniel Barenboim bei den Berliner Philharmonikern debütiert. Am Mittwoch fand nunmehr Barenboims 260. Konzert bei den Philharmonikern statt.

Mit Brahms erstem Klavierkonzert sind natürlich alle Beteiligten bestens vertraut. Routine ist in Berlin keine zu vernehmen, im Gegenteil, es ist ein großes Ringen um Brahms. Nach gefühlt zwei Minuten Dribbling im beginnenden Maestoso ist klar, wer in dieser zweiten Konzerthälfte der Spielmacher ist: Barenboim. Er gibt das Tempo vor und schlägt seine Finten im Notentext. Er macht schnell klar, dass es ihm ernst ist mit dem Aufrührerischen.

Das Publikum wird keine Minute lang im Schönklang eingelullt. Auch im Adagio setzt Barenboim auf die Klarheit im harten Anschlag, er meidet alles Weihevolle des Satzes. Im letzten Satz übernimmt Rattle wieder lächelnd die Führung, lässt die Philharmoniker wogen und sorgt für ein beschwingtes Miteinander. Barenboim sieht sich am Ende mit stehenden Ovationen in der Philharmonie gefeiert. Und ein bisschen Rührung ist dem Jubilar sogar anzusehen.