Konzert-Kritik

Ein Abend der großen Hymnen von Arcade Fire

Ein spiegelnder Riese bahnt sich den Weg in die Mitte. Halb Ritter, halb Mondmann, die Spiegelscheiben seines Anzugs reflektieren die Sonne, die noch über der Wuhlheide steht. Neben dem Ritter geht ein dünnes Mädchen, das einen engen Anzug trägt, auf dem ein weißes Skelett leuchtet. Der Mann im Spiegelanzug beugt sich zum Mikrofon und verkündet, dass jetzt Arcade Fire spielen werden. Im nun herrschenden Jubel erklingen die ersten Takte von „Reflektor“, und die Bandmitglieder erscheinen auf der Bühne. Win Butler im gewohnten Bühnenoutfit, schwarzweiß, manche der Jungs sehen aus wie die Flippers, der Keyboarder etwa steht in weißen Hosen und pinkem Jackett am Instrument. Sängerin Régine Chassagne trägt Bibo-Style – ein Kleid mit fluoreszierenden Ringen und übergroße Handschuhe.

Eine Freiluftbühne kann nicht wirklich als passender Rahmen für Arcade Fire gelten. „Reflektor“, das aktuelle Album, erzählt von durchtanzten Disko-Nächten, beschlagenen Fenstern und Schweiß, der von Wänden tropft. Zwischen den Wipfeln der Wuhlheide rauscht der Wind, es ist immer noch hell, möglicherweise zu hell, um die Veranstaltung in eine der besungenen wilden Nächte zu verwandeln? Wie viel Disko geht eigentlich in Open Air? Sagen wir: genug. Zumindest vor der Bühne. Wer da heringsgleich in der Menge steckt, der springt und klatscht und winkt und schwitzt, mit Sicherheit sind einige Handykameras beschlagen, glücklich ist der, dem das Smartphone hier nicht aus der Hand rutscht. Auf der Bühne spielen sie ihre Songs, die alle wie große Hymnen klingen – „Neighborhood #3“ etwa und „Rebellion (Lies)“.

Ein buntes Tuch wird entrollt, Palmen in 3-D-Druck. Vor der Kulisse erzählt Butler von seinem ersten Trip nach Europa, den er nach Berlin machte und der auch während einer Fußballweltmeisterschaft stattgefunden haben soll. Das führt ihn von den aufkeimenden Erinnerungen zur perfekten Überleitung in den bittersüßen Song „The Suburbs“. Im Hintergrund läuft das Video von Spike Jonze, in dem Halbwüchsige durch eine amerikanische Vorstadt radeln, die in ihrer gleichgeschalteten Tristesse so unwirklich wie eine Geisterstadt wirkt.

Bedrückend eigentlich, doch in der Wuhlheide siegt die Euphorie über die Nachdenklichkeit. Die Stücke der älteren Alben erkennt man vor allem daran, dass alle mitklatschen – keine Zeit für bittersüße Gefühle. Zu Beginn von „No Cars“, einem der untanzbarsten Songs der Band, erlaubt sich Butler einen Scherz: „This is a song to dance“, und da wo zu Beginn der Spiegelmann gestanden hat, zeigt eine Truppe dürrer Skelettanzugträger mit weißgeschminkten Gesichtern einen abgehackten Zombie-Disko-Tanz. Das Finale bestreitet Régine Chassagne, die mit der Skelettformation tanzt, überdimensionierte Beatles-Köpfe, die zu „Komm gib mir deine Hand“, der deutschen Version des Songs wackeln, Konfettiregen und die Schellenkränze, die die Kanadier ins Publikum werfen.