Museen

Ende einer Ära

Michael Blumenthal verlässt das Jüdische Museum. Sein Nachfolger ist der Wissenschaftler Peter Schäfer

Als Michael Blumenthal an diesem Donnerstag in der Betriebsversammlung seinen Rücktritt bekannt gibt, fließen Tränen. „Wir wären nicht das, was wir heute sind“, sagt eine Mitarbeiterin. Eine Ära geht zu Ende, nach 17 Jahren. Ein Referent hat seinem Chef vorsorglich eine ganze Packung TempoTaschentücher ans Mikrofon gelegt. Nur für den Fall. Blumenthal schaut darauf, wendet das Päckchen hin und her, macht es auf und zu, nimmt einen Schluck Wasser aus dem Glas und sagt dann: „Ich habe nicht vor zu weinen.“ Ein 88-Jähriger muss schließlich nicht erklären, warum er geht. Am 1. September erfolgt die Übergabe.

Das Amt braucht Mut und Statur

Alle im Raum wissen genau: Die Leitung des Jüdischen Museums in der Hauptstadt ist weit mehr als nur ein Direktorium. Unter Blumenthals Ägide ist das Haus zur internationalen Adresse der jüdischen Museumswelt aufgestiegen, mit 700.000 Besuchern zählt es zu den am besten besuchten Häusern der Stadt. Auf Blumenthal zu folgen, ist kein Kinderspiel. Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, nennt es „Mut und Statur“, die man braucht, um dieses Amt zu führen. Die Sonderstellung des Jüdischen Museums drückt sich in der Personalie aus.

Peter Schäfer, Blumenthals Nachfolger, hält sich an diesem Tag diskret zurück. Das Beste, was er tun kann. Heute geht es erst einmal um Blumenthals Abschied. Schäfer, hochgewachsen, schlank, beiger Anzug, Pullunder, Schlips, ist eine dezente Erscheinung. Mit bald 71 Jahren ist auch Schäfer – genau wie damals Blumenthal bei Amtsantritt – bereits im besten Rentenalter, aber der „absolute Wunschkandidat“, so Grütters. Verjüngung sieht anders aus, könnte man kritisieren.

Schäfer ist kein Museumsmann, sondern ein renommierter Wissenschaftler, ein Gelehrter mit glänzender akademischer Vita. Er studierte katholische Theologie, Philosophie und Judaistik. Antike und frühes Mittelalter im Judentum, bei diesen Themen schlägt sein Forscherherz höher. Schäfer, der in Berlin lebt, ist auch kein Jude. An der Princeton University hatte er als deutscher Nicht-Jude den Lehrstuhl für Judaistik inne. Bevor er dorthin ging, lehrte er an der Freien Universität Berlin. Er kennt die jüdische Welt rund um den Globus und hat Kontakte in die USA und auch nach Israel. Mehr geht nicht.

Wie verträgt sich das nun mit Museumsarbeit, die populär sein soll, zeitgemäß und jugendnah? Der Leibniz-Preisträger weiß um diese Frage. „Ich habe nicht vor“, sagt er, „dieses Haus in ein professorales Laboratorium umzupolen. Ich will hier keine elitäre Geschichte für Judaisten betreiben.“ Schließlich müsse man heute jungen Studierenden Wissenschaft auch lebendig vermitteln. Schäfer sei in vielen Gebieten viel qualifizierter als er selbst, sagt Blumenthal. Wissen über Judentum beruhe auf der Basis von Kenntnis der Religion.

Allerdings will Blumenthal seinen Nachfolger in den nächsten ein, zwei Jahren noch beraten und „an die Hand nehmen“. Die Verbindung zur Wirtschaft und zu verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen, das ist ein wichtiger Aspekt der Arbeit des Direktors. Ohne diese Übergangszeit mit Blumenthal, sagt Schäfer, „hätte ich den Job nicht angenommen“.

Blumenthal und Schäfer kennen sich aus Princeton, wo Blumenthal mit seiner Familie lebt und Schäfer Direktor der Judaistik an der Universität war. Dort hat man sich mehrere Male getroffen und die Dinge besprochen. Als Schäfer emeritiert war und gerne nach Berlin zurück wollte, war für Blumenthal klar: Das ist der richtige Mann. Etwas Überzeugungsarbeit brauchte er schon, erzählt er.

Schäfer ist für die nächsten fünf Jahre berufen, sein neuer Job ist ein Ehrenamt, wie bei Blumenthal auch. Was ansteht, weiß er: die Konzeption einer neuen Dauerausstellung, die 2001 eröffnet wurde. Wie seine genaue Marschrichtung für das vom Bund geförderte Haus aussehen soll, ist noch offen.

Ort der Toleranz

Blumenthal hat das Kreuzberger Haus geprägt. 1997 übernahm er den Posten, da befand sich das Museum noch in Planung. Er war damals so etwas wie ein Schlichter in der Not. Es gab Streit darüber, ob der Libeskind-Neubau ein eigenständiges Jüdisches Museum werden sollte oder ob im Berlin-Museum lediglich eine Jüdische Abteilung aufgestockt werden sollte. Dass die Wahl auf Blumenthal fiel, hatte auch mit seiner Biographie zu tun. 1926 in Oranienburg bei Berlin geboren, floh Blumenthal mit seiner Familie 1939. Über Shanghai gelangten sie nach Amerika. Dort machte er Karriere. Als ehemaliger US-Finanzminister unter Jimmy Carter und internationaler Netzwerker weiß er genau, was es heißt, Spenden für ein Museum dieser Größe einzutreiben.

Er war es, der Politik wie Wirtschaft schnell vermitteln konnte, dass ein Jüdisches Museum eine Angelegenheit von nationalem Rang ist. Heute ist das silberne Zackengebäude in Form des zerbrochenen Davidsterns ein Aushängeschild für ganz Deutschland. Sechs Mal im Jahr fliegt Blumenthal nach Berlin, zehn bis vierzehn Tage bleibt er dann, um das Haus konzeptionell auf dem Laufenden zu halten.

Ein besonderes Augenmerk legt der Amerikaner auf das pädagogische Programm. Schnell hat er erkannt, dass das Haus sich noch mehr als bisher öffnen und politisch einmischen muss. Als Ort der Toleranz. Der gegenüberliegende ehemalige Blumenmarkt wurde als „Akademie“ eingeweiht, dort ist auch der Arbeitsbereich „Migration und Diversität“ angesiedelt. Mit der Verleihung des „Preises für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums“ setzte er ein weiteres Zeichen. Berlin, sagt Blumenthal irgendwann zum Schluss, sei jetzt seine zweite Heimat.