Roman

Von einem, der es vergeigt

Svenja Leiber fasst das 20. Jahrhundert in einen tragischen Künstlerroman

Man könnte meinen, es sein sehr aktuelles Ding, sich verkaufen zu müssen, um erfolgreich zu sein. Svenja Leiber hat einen Roman geschrieben, in der die Hauptfigur an genau dieser Anforderung scheitert – in einer Zeit, in der es noch lange keine Castingshows und Selbstvermarktungsseminare gab. „Das letzte Land“ erzählt von Ruven Preuk, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Sohn eines Stellmachers in einem norddeutschen Dorf aufwächst. Ruven ist Synästhetiker: Er sieht Töne und hört Bilder. Er selbst kann das gar nicht so sagen, er merkt nur, dass er anders ist, dass er gerne abseits steht und seine Umgebung mit den Ohren betrachtet, während die anderen arbeiten. Joseph, der alte Spieler, hat eine Ahnung von Ruvens musikalischem Talent und schenkt ihm im Sommer 1911 eine kleine Geige. Ruven lernt geigen, er wird sehr schnell sehr gut und wird bewundert, aber ist auch immer der Außenseiter, der Unverstandene.

Noch fremder aber ist ihm die Stadt, in der er häufig spielt: auf Empfängen in reichen Bürgerhäusern, in einer ihm unbekannten Welt. Er trifft dort Kunsthändler, Apotheker und Ärzte. Ihre Gesellschaft ermüdet ihn, er kann den Gesprächen nicht folgen; gleichzeitig ist er wütend, weil er merkt, dass er für dumm gehalten wird. Sein Lehrer rät ihm: „Du darfst deine Aura niemals selber in der Öffentlichkeit ankratzen!“ Ein Rat, den man genauso auch bei „Germany’s Next Topmodel“ hören könnte.

Sich verkaufen zu müssen, um Wirkung zu erzielen: Es ist nichts Neues. „Das letzte Land“ ist Svenja Leibers zweiter Roman. Leiber ist 1975 in Hamburg geboren und hat Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte in Berlin studiert. 2005 erschien ihr Erzählband „Büchsenlicht“, 2010 ihr erster Roman „Schipino“. In einem Interview hat sie vor Kurzem davon gesprochen, wie wichtig Selbstdarstellung und Anerkennung auch im Literaturbetrieb sind: „Ich persönlich sehe den Literaturbetrieb als ein System, in dem Beziehungen, Geschlecht, Aussehen und Selbstvermarktung eine größere Rolle spielen, als die Texte selbst.“ Sie, die nicht wenige Preise und Stipendien erhalten hat, fände es „beinahe lustig“, das Schwarmbewusstsein des Betriebs zu beobachten – „wenn es nicht so entsetzlich traurig wäre.“ Wie zermürbend es sein kann, an solchen Mechanismen zu scheitern, zeichnet Leiber in der Geschichte von Ruven Preuk sehr detailliert nach.

Svenja Leiber erzählt im Präsens, in einfachen Sätzen, die manchmal klingen wie aus einem Kinderbuch. Ihren Roman teilt sie in sechs Abschnitte, die mehrere Jahre erzählen, insgesamt von 1911 bis 1975. Die Melancholie, die Ruven umgibt, verstärkt sich Kapitel um Kapitel. Seit dem ersten Weltkrieg schleicht sich in seinem Dorf die Politik in den Alltag ein. Er freundet sich mit einer sozialistischen Krankenschwester an. Sie stirbt unter ungeklärten Umständen; niemand will wissen, was die jungen Nazis im Dorf damit zu tun haben. Ruven zieht in die Stadt, spielt weiter. Bald darauf der Zweite Weltkrieg, Ruven muss an die Front, wird schwer verletzt. Danach kann er nicht mehr so hören wie vorher.

Die Erzählung entfernt sich dann von Ruven hin zu seiner Tochter Marie, die in den 50er-Jahren Bäuerin wird und zu der er später, als alter Mann, zieht. Er trägt drei Geigenkästen bei sich, zwei mit seinen beiden Geigen, einen mit der verbrannten Asche von der Geige seines jüdischen Geigenlehrers. Die Symbolik ist stark, am Ende jedoch zu stark. Denn im letzten Kapitel fängt Svenja Leiber plötzlich an, die ganze Konstruktion des Romans unnötig zu erklären.

Das, was sie vorher so gut konnte, das lakonische und aussparende Erzählen, scheint ihr abhandengekommen, fast wie Ruven seine Synästhesie. Längst hat man verstanden, wie der Verlust der drei Frauen, die Ruven wichtig waren, zusammenhängt, aber Leiber erzählt es noch mal. Zu viel Symbolik, zu viel erklärte Konstruktion. Trotzdem ist „Das letzte Land“ ein spannendes Buch, das man einen Bildungsroman, einen Künstlerroman nennen könnte oder ein Panorama eines Jahrhunderts, all das. Vor allem aber ein Buch darüber, was es heißt, zu sehen, wie die eigenen Wünsche nicht erfüllt werden können.

Svenja Leiber: Das letzte Land. Suhrkamp, 320 S., 19,95 Euro