Neue Töne

Bluesrock ist jetzt cool

Sebastian Zabel, Chefredakteur des „Rolling Stone“, über seine Alben des Monats

Als die Rolling Stones neulich in der Waldbühne spielten, konnte man ein paar Minuten lang erleben, was Rhythm’n’Blues eigentlich ist. Es war der Moment, als Mick Taylor auf die Bühne kam und seine ehemaligen Kollegen einen Song lang begleitete. Mick Taylor ist nur fünf Jahre lang Leadgitarrist der Stones gewesen, aber der beste, den sie je hatten. Hier nun spielten sie „Midnight Rambler“ und je länger sie es taten, desto mehr schien die Musik ihrem Kontext wegzulaufen, sie war plötzlich frei. Mick Jagger federte über die Bühne und ließ die Gitarren die Führung übernehmen, die sich in eine wunderbare Bluesrock-Jam reinschraubten, sich anjaulten und ausseufzten, laut und leise wurden, immer wieder zum Rhythmus, zum Beat zurückkehrten, während sich Jaggers Stimme einfügte wie ein Instrument.

Bluesrock war lange die uncoolste Sache der Welt. Dass dieses mit dem Ruch des Reaktionären behaftete Genre nun wieder einen Eintrag im Wörterbuch des Hipsters hat, ist maßgeblich einem Musiker aus Nashville zu verdanken, dessen neues, zweites Solo-Album „Lazaretto“ soeben erschienen ist. Er heißt Jack White, sieht ein bisschen aus wie Johnny Depp als Edward mit den Scherenhänden und hatte vor 15 Jahren zusammen mit seiner späteren und inzwischen geschiedenen Ehefrau Meg White die Band The White Stripes gegründet. Deren scheppernder Rumpel-Rock führte den musikhistorisch irre interessierten Gitarristen White schließlich nach Nashville und zum Blues – seine beiden Soloalben sind damit grundiert.

Auf „Lazaretto“ spreizt White den Sound nun noch deutlicher in alle möglichen Richtungen, von Led Zeppelins bluesigem Hardrock über gefiddelten Bluegrass bis zu an den jungen David Bowie erinnernde Songspielereien. Mit Bowie verbindet ihn übrigens auch die Liebe zu exaltierten Bühnenanzügen und theatralischem Gesang. Es gibt kaum einen stilbewussteren und vergangenheitsversesseneren Musiker dieser Tage als White, der gern mal zwei Bands gleichzeitig unterhält – eine, die nur aus Frauen, und eine, die nur aus Männern besteht.

Bloß ein paar Kilometer von White entfernt leben die Black Keys, auch eine Band, die den Blues-Rock neu erfunden hat. Was einer der Gründe sein mag, warum Jack White seine Nebenbuhler Dan Auerbach und Patrick Carney nicht ausstehen kann. Denn auch das lieber schwarz als schrill gekleidete Duo spielt mit den Sounds der Vergangenheit, ist experimentierfreudig und weitet auf seinem neuen Album „Turn Blue“ den Horizont: Hier paart sich der Blues mit depressivem Boogie, straighten Rock-Riffs und sogar an die berüchtigten Progressive-Rock-Bands der 70er Jahre gemahnende Daddeleien. Klingt trotzdem toll. Die Expressivität und Originalität eines Jack White geht den beiden Lederjackenträgern zwar ab, dafür knien sie sich leidenschaftlich in die Sounds des amerikanischen Südens, wo dann Blues und Rock zueinander finden.

Natürlich darf man angesichts dieser Retro-Seligkeit auch mal fragen, ob denn die Vergangenheit wirklich die beste Zukunft des Rock’n’Roll ist. Und das lässt sich natürlich allen Ernstes nicht behaupten. Schon gar nicht, solange es Popbands gibt wie Metronomy, deren wunderbares Album „Love Letters“ bereits vor ein paar Wochen veröffentlicht wurde, aber leider etwas untergegangen ist. Analog produzierter Elektro-Pop voll betörender Melancholie und tröstendem Zuspruch, der sanft pluckert und das Laptop mit der Gitarre versöhnt. Nichts auf dieser Platte klingt offensichtlich, nichts nach radiotauglichem Hit, aber alles verführerisch schön – außerdem gibt es wenig Popsongs, die so perfekt eine Balance zwischen Depression und Dancefloor halten. Von ganzem Herzen seufzende Musik, zu der man fast tanzen könnte. Wo Metronomys genialischer Songwriter und Produzent Joseph Mount seine Soundvision geschärft hat, kann man übrigens auch auf einer großartigen, von ihm zusammengestellten Compilation hören: Auf „Late Night Tales“ mixt Mount ungemein geschmackvolle Stücke von so unterschiedlichen Künstlern wie dem New-Wave-Bassisten Mick Karn, den Rappern OutKast und dem Softrock-Duo Alessi Brothers zusammen. Wenn denn eine Platte für die Stunden nach der Nacht (oder meinetwegen für eine gemächliche Cabriofahrt) gebraucht wird, dann bitte diese!

Der Autor ist Chefredakteur des „Rolling Stone“ und lebt in Berlin