Ballett

Abschiedsshow voller Demut

Stehende Ovationen für Vladimir Malakhov im Schiller-Theater: Sein Finale beim Staatsballett hat magische Momente

Endloser Jubel, stehende Ovationen, Blumen über Blumen im Schiller-Theater: Vladimir Malakhov verneigt sich, sichtlich erschöpft. Eine Ära endet. Schließlich steht er allein auf der Bühne, als die Staatskapelle erneut zu spielen beginnt. Ein Tänzer nach dem anderen defiliert an ihm vorbei, überreicht eine Blume, gibt ihm ein Küsschen oder macht einen Knicks. Glitzerstaub rieselt herunter bei dieser Abschiedsshow. Malakhov bedankt sich bei seiner Mutter, die in der ersten Reihe sitzt, und natürlich beim Publikum und der Compagnie. Malakhovs Gefolgsmann Rainer Krenstetter, der selbst bereits seine Abschiedsvorstellung beim Staatsballett gegeben hat, spricht die Dankesworte für die Compagnie. Ein Abend der letzten Harmonie.

Nach knapp einer halben Stunde stolpert Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm über die Bühne. Malakhov hatte ja vor zwölf Jahren als Ballettchef der Staatsoper begonnen, Flimm überreicht ihm die Weste, die der Tänzer bei seinem ersten Auftritt getragen hat. Man hat sie im Fundus aufgestöbert. Flimm ruft auch nach der Regierung. Kulturstaatssekretär Tim Renner tänzelt auf der Bühne umher, er hat die Gnade des späten Amtsantritts, der kulturpolitische Eklat bleibt aus. Als sein Amtsvorgänger André Schmitz, der Malakhovs Vertrag nicht mehr verlängerte, ihn nach einer Vorstellung zum „Berliner Kammertänzer“ ernannte, ignorierte ihn der Geehrte einfach. Renner wünscht ihm alles Gute für Tokio, Malakhov applaudiert zufrieden.

Zweifellos beweist sich der einstige Startänzer als Künstler alter Schule, er versteht es, seinen Abschied so glamourös wie effektiv zu zelebrieren. Genau genommen hat er sich eine ganze Saison lang vom Staatsballett Berlin, dessen Gründungsintendant er war, verabschiedet. Malakhov hier bei einer Buchvorstellung, Malakhov dort auf einer großen Bühne. Seine Vorstellungen wurden extra beworben, es gab seine letzte Premiere, er empfing ein letztes Mal zu „Malakhov & Friends“, jetzt seine beiden letzten Auftritte. Sein Nachfolger Nacho Duato hat sich bislang klein gemacht. Normalerweise ziehen sich geschasste Intendanten stillschweigend zurück, und der Neue verkündet, dass jetzt alles besser wird. Aber Malakhov lässt sich bis zum letzten Tag die Show nicht stehlen.

Auf den Leib geschneidert

Zum Abschied hatte er sich zwei Vorstellungen von „Caravaggio“ am Freitag und „Tschaikowsky“ am Sonnabend ausgesucht. Beide Titelrollen wurden ihm quasi auf den Leib geschneidert – und beide Stücke werden danach aus dem Repertoire genommen. Dieser letzte Blick ist schon eine Exklusivität, nur hat sich Malakhovs Leib inzwischen verändert. Malakhov ist 46, aber er kann vom Tanzen nicht loslassen. Das hat auch etwas Tragisches. Begnadete Künstler finden häufig nicht den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug. Der 1968 im ukrainischen Kriwoj Rog geborene Malakhov ist einst durch die elitäre Moskauer Bolschoi-Akademie gegangen. Ein Wunderkind, das immer im Mittelpunkt stand.

Gleich nach seinem Abschluss 1986 wurde er als jüngster Erster Solotänzer an das Moskauer Klassische Ballett verpflichtet. Ende der 80er-Jahre bemerkte ihn der Westen. Die Ballettwelt staunte über den „fliegenden Vladimir“ aus Moskau. Viele hielten ihn für den besten Tänzer aller Zeiten. Gegenüber den athletischer gebauten Tanzgiganten Nijinski und Baryshnikov wirkte Malakhov filigraner, mit seinen langen Beinen konnte er atemberaubende Sprünge machen. Aber seit seinen Knieoperationen vor einigen Jahren ist es damit vorbei, sein Tanz hat Bodenhaftung bekommen. Malakhov ringt um jede sichere, womöglich auch schmerzfreie Bewegung, das Testosteron-gesteuerte Drauflos gibt es nicht mehr. Aber darum geht es beim Abschied auch nicht mehr, das Fanpublikum erwartet anderes. Und Malakhov schenkt ihnen diese letzten magischen Momente. Als Tschaikowsky, in der Rolle des leidenden Künstlers, wächst Malakhov noch einmal über sich hinaus.

Als strahlender Prinz der Ballettbühne drehte Malakhov sich früher am liebsten um sich selbst. Als er sich jetzt in „Caravaggio“ auf Sebnem Gülseker zubewegt, glaubt man Herzlichkeit, Nähe zu spüren. Sein Tanz hat zweifellos mehr Tiefe bekommen. Zuletzt sah sich Malakhov gerne als Vater der Compagnie. Aber alle Väter machen auch Fehler. Als die erste Solotänzerin Elena Pris zu Beginn durch den Bühnenvorhang tritt, weiß man, wer dort laut Premierenbesetzung eigentlich hätte erscheinen sollen: Polina Semionova. Die russische Primaballerina war Malakhovs Entdeckung, sein Ziehkind. Die blutjunge „Baby-Ballerina“ hatte Berlin sofort verzaubert, irgendwann haben sich die beiden zerstritten. Nicht einmal zu seinem großen Abschied konnten sie sich vertragen. Die Semionova kehrt erst in der nächsten Saison unter dem Nachfolger Duato zum Staatsballett zurück.

Malakhovs Trainingsanzug

Malakhov hatte vor zehn Jahren gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Christiane Theobald aus den drei Compagnien der Berliner Opernhäuser das Staatsballett kreiert. Das war eine schmerzhafte Fusion. Aber jetzt steht ein Neuanfang bevor. Mit seiner Stellvertreterin hatte sich Malakhov schon seit geraumer Zeit nichts mehr zu sagen. Sie hat sich dieser Tage krank gemeldet und feierte deshalb den Abschied nicht mit.

Vladimir Malakhov, der seine Wohnung in Berlin behalten möchte, wird künftig das Tokyo Ballet beraten. Seine Zukunft beginnt bereits im Foyer des Schiller-Theaters. Dort wirbt die neu gegründete Schöneberger Malakhov Foundation um Mitwirkung. Der Nachwuchs und erkrankte Tänzer sollen demnach gefördert werden, ein neuer europäischer Ballett-Preis wird ausgelobt. Das klingt alles wunderbar und durchaus nach Malakhov. Zugleich wird auf einem Flyer der Trainingsanzug „Malakhov Foundation“ angeboten, in verschiedenen Farben, in geringer Stückzahl und zum Preis von 99 Euro. Der Schlussverkauf eines großen Namens hat damit begonnen.