Abschied

„Einen wie ihn sehen wir nicht wieder“

Mit Frank Schirrmacher verliert Deutschland seinen wichtigsten Kulturjournalisten

Von seinem peinlichsten Erlebnis als junger Literaturredakteur hat er selbst einmal erzählt, es spielt gegen Ende der 80er-Jahre in Paris. Frank Schirrmacher ist zu einem Treffen mit französischen Geistesgrößen eingeladen. Man trifft sich in einem Restaurant, mit am Tisch sitzen Pierre Bourdieu und Jacques Derrida. Der junge Redakteur, aufgeregt, eingeschüchtert und im Französischen nicht besonders bewandert, schätzt die Situation falsch ein und bestellt sich ein mehrgängiges Menü, obwohl es doch nur ein kurzes Arbeitsessen sein soll.

Damit zieht er das Treffen in die Länge. Die anderen Gäste werden immer ungehaltener. Als einige von ihnen schon ihre Mäntel anziehen wollen, knipst ein Kellner das Licht aus und bittet die Anwesenden um Aufmerksamkeit. Ein mit lodernden Wunderkerzen bestücktes Dessert wird in den Raum getragen und vor dem jungen Literaturredakteur abgestellt. Er weiß nicht, wohin mit sich vor lauter Verlegenheit: „Ich leuchtete im Mittelpunkt des Interesses. 20 der berühmtesten Historiker, Philosophen und Geisteswissenschaftler Europas blickten voller Verachtung auf mich. Als die Flamme aus- und das Licht wieder anging, machte Bourdieu die höhnische Bemerkung: ‚So etwas gibt es wohl nicht, wo Sie herkommen?‘“

Aufmerksamkeit schüren

So peinlich sie ihm später auch erschienen sein mag: In der kleinen Episode verbirgt sich vieles von dem, was Frank Schirrmacher ausmachte und sicherlich auch einiges von dem, was ihn zu einem der bedeutendsten Publizisten der Nachkriegszeit machte. Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit anderer Menschen mit Feuerwerk zu schüren, war ihm gegeben wie kaum einem zweiten Journalisten in diesem Land. Und das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, für das er 1994 mit nur 35 Jahren als Herausgeber zuständig wurde, erwies sich als das perfekte Instrument dafür.

Zuvor hatte Schirrmacher die Karrierestraße genommen, die sich für viele Redakteure der „FAZ“ als gut befahrbar erwiesen hatte und die auf direktem Weg von den Seminarräumen dieser Welt in die Redaktionsstuben an der Frankfurter Hellerhoffstraße führt. Bei ihm waren es Anglistik, Philosophie und Germanistik, und auf Empfehlung Dolf Sternbergers saß Schirrmacher irgendwann im Büro des damaligen Herausgebers Joachim Fest. Die Legende will es, dass Schirrmacher dort zum Erstaunen seines Gegenübers gleich seitenweise aus dessen berühmter Hitler-Biographie zitieren konnte – fehlerfrei. Fest glaubte in dem jungen Mann einen Seelenverwandten gefunden zu haben, der mit ihm nicht nur die Faszination am kranken Wesen des faschistischen Diktators teilte, sondern auch dieselbe Vorliebe besaß für die dunklen, schwermütigen Töne der deutschen Geistesgeschichte, für das Wagnerianische und Nietzscheanische, für das Pathos und das Schicksalsergebene der Kultur, die wir die deutsche nennen.

Diese Liebe zum Generalbass, zum dräuenden Orgelton wurde zum Betriebsgeheimnis der Debatten, die Schirrmacher mit steigender Lust anzettelte – oft zur Wut seiner Kollegen in den vielen anderen Feuilleton-Redaktionen des Landes, die sich augenrollend zuzischelten, dass er schon wieder ein Thema gesetzt, eine Stimmung richtig eingeschätzt hatte.

Als Schirrmacher mit „Das Methusalem-Komplott“ 2004 einen in 14 Sprachen übersetzten Bestseller landete, bestimmte er über Wochen und Monate hinweg das öffentliche Gespräch über die demographische Krise, auf die wir zusteuern. Er hatte das Thema vielleicht nicht als erster gesehen; aber als erster hatte er erkannt, wie viele unserer dunkelsten Zukunftsängste sich darin verbargen und befreite es aus dem Nischendiskurs, in dem es steckte.

Spektakulär war die Entscheidung, das entschlüsselte Genom des Menschen auf den Seiten des Feuilletons der „FAZ“ vollständig abzudrucken – die kulturinteressierte Nation saß vor schier endlosen Reihen der Nukleinsäuren-Kürzel von Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin und stellte fest, dass die vermeintliche Antwort auf eines der größten Menschheitsrätsel doch nichts weiter war als ein neuerliches Rätsel.

Schirrmacher öffnete sein Feuilleton für den naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt. Die kulturelle Plattform, für die er zuständig war, justierte er unablässig und mit wachem Instinkt für den Zeitgeist – zuletzt auf die uns alle umtreibenden Themen der digitalen Durchleuchtung des Individuums.

„Einen wie ihn werden wir nicht wiedersehen“, schrieb Frank Schirrmacher im September 2013 über den verstorbenen Marcel Reich-Ranicki. „Es stimmt nicht, dass jeder ersetzbar ist. Manche werden im Tod zur dauernden Abwesenheit, und er ist nun eine solche.“ Reich-Ranicki war neben Joachim Fest sein zweiter großer Mentor, und vielleicht war es dessen Lust an der steilen These und der schneidenden Polemik, die auf seinen Schüler überging und aus diesem machte, was er war: ein großer Publizist.

Der wirkungsmächtigste Kulturjournalist, den die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg kannte. Völlig überraschend und für viele schockierend ist Frank Schirrmacher am Donnerstag in Frankfurt am Main einem Herzinfarkt erlegen. Er wurde 54 Jahre alt.