Kino

Die Norweger sind noch viel seltsamer als die Berliner

Selbstsuche am Fjord: Der Film „Chasing the Wind“

Wer sagt denn, dass es in Norwegen immer so düster und depressiv zugehen muss? Das denkt man unweigerlich, wenn man die ersten Einstellungen von „Chasing the Wind“ sieht. Man gewahrt eine frühsommerliche Meeresküste und pittoreske rote Holzhäuser. Doch eigentümliche Störgeräusche und ein wütendes Sägen durchschneiden das Idyll. In Norwegen ist man auch in den helleren Jahreszeiten mies drauf. Es ist nun mal von den gleichen knorrigen Dickköpfen bewohnt wie in Rune Denstad Langlos vielbeachtetem ersten Spielfilm „Nord“. Im Kern erzählt der Regisseur in seinem neuen Film „Chasing the Wind“ eine ähnliche Geschichte über die lange Reise versehrter Wikinger-Seelen zu ihrer Familie und zu sich selbst wie in seinem Debüt.

Anna (Marie Blokhus), die in Berlin als Modedesignerin arbeitet, macht sich nach dem Tod ihrer Großmutter widerwillig auf in ihre mittelnorwegische Heimat, um nach ihrem Großvater zu schauen. Hier sind alle seltsam, viel seltsamer noch als in Berlin: Der verstockte Opa (Sven-Bertil Taube) gibt außer Bibel-Zitaten kaum etwas von sich, der hagestolze Nachbar sitzt todtraurig allein bei sich zu Hause, die kleine Tochter von Annas Ex-Freund vertreibt sich die Zeit damit, die einzige Überlebende von Naturkatastrophen zu spielen. Alle Figuren in „Chasing the Wind“ haben Verluste zu verarbeiten, und sie fressen sie in sich herein, wie es nur Skandinavier können. Allen voran Anna, die schon in Berlin von einer unerklärlichen Traurigkeit umweht ist, und sich nun in ihrer Heimat der Vergangenheit stellen muss. In den Händen eines deutschen Fernsehfilm-Regisseurs würde daraus wohl ein unerträgliches Schnulzenstück mit Fjord-Aufnahmen. Nicht so bei Langlo. Seine Spezialität ist es, die mächtigen Meeres-, Gras- und Schrottplatz-Bilder seines Kamerakünstlers Philip Øgaard in deckungsgleiche Beziehung zu dem zerklüfteten Innenleben seiner Charaktere zu setzen. Der nackte Rücken der Protagonistin ist ähnlich abweisend schön wie die Bergrücken, das faltige Gesicht des Großvater ähnlich gekräuselt wie das Meer.

Man muss eins mit der Landschaft und der gnadenlosen Natur werden, um hier Frieden zu finden. Im wahrsten Sinne des Wortes wird es an der toten Großmutter vorexerziert: Das Sägen zu Beginn galt dem freundlichen Baum im Garten, aus dem im Laufe des Films ihr Sarg geschreinert wird. Schön und schrecklich ist das. Wie Langlos Norwegen.