Konzert

Wenn 70-Jährige „I Can’t Get No Satisfaction“ singen

Die Rolling Stones drehen in der Waldbühne auf wie aufgedrehte Jungs

Knockentrocken schneidet ein Gitarrenriff durch die heiße Luft. Bass und Schlagzeug pumpen den Rhythmus und ein vor erschreckender Jugendlichkeit strotzender Mick Jagger tobt und tänzelt im schicken Glitzerjackett über die Bühne und singt „Start Me Up“. Ein juveniler Rebell für zwei wilde, heiße Stunden, der mit jeder Pose, mit jeder Geste, mit jedem herausgestoßenen „Oh Yeah!“ klar macht: Wir waren dabei in den wilden und ungezähmten 60er-Jahren, wir standen an vorderster Front, als der Beat zur Rockmusik wurde. Uns macht heute keiner etwas vor.

Die Rolling Stones waren in Berlin. Und sie nahmen die Waldbühne im Sturm. Zwei Stunden ziehen Sänger Mick Jagger, 70, die Gitarristen Keith Richards, 70, und Ronnie Wood, 67, Schlagzeuger Charlie Watts, 73, und Bassist Darryl Jones, 52, die 22.000 Besucher in ihren Bann. Und die Fans ergeben sich widerstandslos. 19 Songs stehen auf dem Programm, darunter Klassiker wie „Jumpin’ Jack Flash“, „Satisfaction“, „Honky Tonk Women“ oder „Brown Sugar“. Und durch die Waldbühne waberte der wohlige Nebel der Erinnerung. Wie schaffen die das bloß?

Die Rolling Stones verstehen es im Konzert immer wieder, Großtaten auf kleinstem Raum zu vollbringen. Mitunter bekommt das Ganze einen Hauch von Intimität wie bei einem Klubkonzert. Gerade so, als wären sie immer noch im kleinen Londoner Marquee Club, wo ihre Karriere vor mittlerweile 52 Jahren begonnen hat. Mit allen Ecken und Kanten, Patzern und Ausrutschern, die das Konzert einer rabaukigen Rock-’n’-Roll-Band so lebendig macht. Auch heute noch. Die Rolling Stones haben im Laufe ihrer Karriere den Soundtrack ihrer Generation mitgestaltet. Und sie haben so viele Hits gelandet wie kaum eine andere Band neben den Beatles.

Auf diese Hits können sie sich auch in ihren Konzerten verlassen. Es ist Musik, die Generationen geprägt hat, und es wirkt seltsamer Weise auch heute keinen Moment lang peinlich, wenn ein 70-Jähriger im Brustton der Überzeugung „I Can’t Get No Satisfaction“ singt. Die Zeit steht einfach mal still für einen Moment. Die Rolling Stones klingen selbst heute in einer nach Perfektion gierenden Showbusiness-Welt rau und ungeschliffen. Das macht sie so außergewöhnlich und unentbehrlich, obwohl auch der älteste Fan weiß, dass sie ihre Rolle als ewige Rebellen nicht bis in alle Ewigkeit weiterspielen können.

Dabei hätten es die Rolling Stones längst nicht mehr nötig, sich den Strapazen monatelanger Welttourneen auszusetzen. Sie haben im Laufe ihrer Karriere Millionen verdient. Aber Rolling Stone zu sein ist eben nicht nur eine Frage des Geldes. Sie haben für ihr Publikum da zu sein. Das ist ihr Job. Das ist ihr Auftrag. Es geht um die Erfüllung eines Lebenswerks.

Deshalb trainiert und stählt Mick Jagger Körper und Stimme und gibt auf der Bühne den Verführer, den Aufrührer, die Diva. Und deshalb stehen die Rolling Stones auch heute noch auf den Bühnen der Welt. Wie jetzt in der Waldbühne. Ein großes Konzert mit obligatorischem Schluss-Feuerwerk. Möglicherweise das letzte Mal, dass die Rolling Stones in der Waldbühne zu erleben waren. Möglicherweise auch nicht. Ihr zweites Deutschlandkonzert geben sie am 19. Juni in Düsseldorf.