Klassik-Kritik

Gustav Mahler: Mystik verloren, Klarheit gewonnen

Gelungener Start: Lahav Shani dirigiert die Staatskapelle

Kaum zu glauben, dass dies Lahav Shanis Debüt bei der Staatskapelle sein soll. Der schlanke Israeli mit dem gutmütigen Kindergesicht herrscht über das Orchester, als würde er es seit Jahren kennen. Und das tut er genau genommen auch: Kein Geringerer als Daniel Barenboim hat den 25-jährigen Shani unter seine Fittiche genommen. Er hat ihm ein Stipendium geschenkt, ihn assistieren lassen, ihn mit der Staatskapelle vertraut gemacht.

Ungewöhnlich hoch stehen die Erwartungen an diesem Abend in der Philharmonie. Denn erstens springt Lahav Shani für Michael Gielen ein, einen außerordentlich erfahrenen Mahler-Analytiker. Auf dem Programm: Mahlers Rückert-Lieder und seine titanische Erste. Zweitens eilt dem Israeli seit seinem Sieg beim Bamberger Gustav Mahler-Dirigierwettbewerb des letzten Jahres ein beachtlicher Ruf voraus. Der Noch-Student der Musikhochschule „Hanns Eisler“ wird bereits mit Gustavo Dudamel verglichen. Vor zehn Jahren hatte der Venezolaner den gleichen Wettbewerb gewonnen, war danach erfolgreich um die Welt gejagt. Mit dem hitzköpfigen, intuitiven Dudamel hat Shani allerdings eher wenig gemein. Bei ihm sind es vor allem die gefasste Klarheit und präzise Natürlichkeit, die beeindrucken. Er dirigiert Mahlers Erste aus dem Kopf heraus, entfaltet den ersten Satz in aller Ruhe und Bestimmtheit. Ohne mystisches Waldweben, ohne verklärende Magie. Ein Mahler des Hier und Jetzt, gesund und intelligent dargeboten.

Und dann sind da die ruppigen Momente, in denen Shani ganz offensichtlich ein paar aggressiv-herrische Gesten seines Mentors Barenboim adaptiert hat. Gewöhnungsbedürftig die unvermittelt ins Hektische schlagende Tempi am Ende der Sätze. Bewundernswert dagegen die unerschütterliche Energie und perfekte Übersicht des Dirigenten.

Und trotzdem: Wirklich berührt ist man von diesen ersten zwanzig Konzertminuten nicht. Eine Spur zu spröde wandert die Mezzosopranistin Bernarda Fink in Friedrich Rückerts Poesie. Sie kann nicht vergessen machen, dass Mahlers Liederzyklus wohl zu Recht als Männer-Domäne gesehen wird. Finks kernige, an der historischen Aufführungspraxis gereifte Stimme mag zwar in einigen ihrer romantischen CD-Einspielungen hervorragend zur Geltung kommen. Für Mahlers Rückert-Lieder allerdings fehlt ihr an diesem Abend die besondere Dringlichkeit, die intime Intensität.