Filmrollen-Fund

Das langsame Sterben im Keller hat ein Ende

In Kreuzberg werden 20.000 Filmrollen geborgen

„Gehen Sie die Treppe runter in den Keller, dann links und nochmal links“, sagt der Hilfsarbeiter mit dem Stapel Filmrollen auf der Palette. „Sie werden es schon riechen.“ Wir befinden uns im zweiten Hinterhof der Schlesischen Straße 29 in Kreuzberg, eine ehemalige Essenzfabrik, drei Hinterhöfe weiter nach hinten ist die Spree, durch die einst die Grenze zu Ost-Berlin verlief. Bis zum Mauerfall ein hoffnungsloser Standort, heruntergekommen. Jetzt muss das Alte raus. Public Relations, Eventmarketing, Animationsdesign steht auf schicken Schilder.

Bis vor sechs Jahren hielt sich hier die Firma „Film und Video Print“. Sie zog Kopien für kleine deutsche Verleiher, und die schätzten die sorgfältige Arbeit – und den niedrigen Preis. Dann brachen die Aufträge weg, weil das digitale Kino keinen Film mehr brauchte, und die Firma wurde zahlungsunfähig. Nun war es bei deutschen Produzenten Usus, ihre Negative im Kopierwerk zu belassen; das ersparte die Kosten eines eigenen Lagers. Der Konkursverwalter fand sich mit einem unübersehbaren Haufen Filmrollen konfrontiert; eine erste Zählung ergab mehr als 23.000 Büchsen – von der „Feuerzangenbowle“ über „Ferien auf Saltkrokan“ bis hin zum Berlinale-Film „Yella“.

Das Kopierwerk hatte all diese Filme nur aufbewahrt; Eigentümer sind die Produzenten. Eine Bestandsliste ließ der Abwickler erstellen, die am Schluss 2000 Excel-Seiten lang war und 350 Firmen auflistete. Ein Jahr nach dem Konkurs war die Grundstücksverwaltungs-GmbH bereit, ihre Geiseln freizugeben. Vor dem Landgericht Berlin einigte man sich auf einen Vergleich, nach dem das Bundesfilmarchiv den gesamten Bestand übernehmen sollte – doch mitten in der Verhandlung erhielt der Archivanwalt einen Anruf, der den Vergleich zum Scheitern brachte. So wurden die Büchsen zunächst in den Keller des zweiten Hinterhofs verfrachtet. Eine enge Backsteintreppe führt dorthin, und dann beginnt das Fegefeuer des Zelluloids, das eigentlich minus sechs Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 30 Prozent zur idealen Lagerung benötigt. Anfangs sieht das Lager noch akzeptabel aus, aber je tiefer man vordringt, desto mehr nimmt der Rost von allem Besitz, der Schmutz und der Schimmel und das Essigsyndrom. Der Schatz im zweiten Hinterhof würde weiter vor sich hin modern, hätte nicht die AG Dok die Initiative ergriffen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm ist die medienpolitische Interessenvertretung der deutschen Dokumentaristen, sie kümmert sich treuhänderisch um das Konvolut.

Niemand wagt abzusehen, was es kosten würde, den Schatz aus der Schlesischen zu erhalten. Erst recht vermag niemand zu schätzen, wie viele Schlesische Straßen es in Deutschland noch geben könnte. Hunderte von Privatproduktionen haben bis Mitte der 90er-Jahre auf Zelluloid gedreht, und es muss Hunderte von Privatarchiven geben, bei denen sich über kurz oder lang die Frage „Weggeben oder Wegwerfen“ stellt. Was in Kellern wie in der Schlesischen Straße liegt, sind vorwiegend Industrie- und Werbefilme, Dokumentationen und Filmhochschulproduktionen, ein unschätzbares Reservoir laufender Bilder. Es wäre ein Verbrechen, es leichtfertig der Vernichtung preiszugeben – kulturhistorisch und kommerziell.