Rolling Stones

„Diese Waldbühne, was für ein schöner Ort“

Für immer jung: Die Rolling Stones spielen in Berlin an einer historischen Stätte das Konzert des Jahres

Die Rolling Stones sind in Berlin. Es ist 20.40 Uhr, als die Band zu wummerndem Schlagwerkgetrommel und Feuerwerkszauber im lautstarken Jubel auf die Bühne steigt. „Start Me Up“ eröffnet die Hitrevue in der Waldbühne. Mick Jagger im schwarzen Glitzerjacket ruft „You Got Me Rockin’“. Er ist von einer geradezu unheimlichen Jugendlichkeit. Schlaksig, durchtrainiert und topfit turnt er über die weite Bühne. Dann wieder hängt er sich die Akustikgitarre um und singt nur für Berlin „Waiting On A Friend“. Der Peter Pan des Rock ’n’ Roll. Dabei hat der Mann inzwischen 70 Jahre auf dem Buckel. Man sieht sie ihm nicht an.

Da hat das Leben beim ebenfalls 70-jährigen Keith Richards schon mehr seine Spuren hinterlassen. Doch auch er blüht auf im Rampenlicht, schabt die knackigen Gitarren-Riffs aus den Saiten, lässig und cool, der Pate der Rockgitarre. Die Botschaft ist schnell klar: „It’s Only Rock ’n’ Roll“, ruft Jagger ins Mikrofon, „but I like it!“ Richards und Ko-Gitarrist Ron Wood, 67, verstehen sich blind, verstehen es vor allem, den einen oder anderen kleinen Patzer gekonnt auszubügeln. Der 52-jährige Bassist Daryl Jones, seit 1993 nach dem Ausstieg von Bill Wyman als Bassist angestellt, ist ein virtuoser Alleskönner. Und über allem thront der 73-jährige Granseigneur Charlie Watts hinter seinem Schlagzeug. Er hält mit stoischer Ruhe und exaktem Timing das Stones-Gefüge zusammen.

Hauch von Intimität

Ein Abend mit den Rolling Stones ist nicht nur einfach ein Konzert. Es sind zwei höchst unterhaltsame Lehrstunden in Sachen Rockgeschichte. Und die Stones wissen, was sie ihrem Publikum schuldig sind, auch wenn nicht jeder Hit einen Platz im Programm finden kann. Dafür sind es einfach zu viele. Rund 60 Stücke haben sie für ihre „14 On Fire“-Tournee einstudiert, etwa ein Drittel davon spielen sie in Berlin. Jeder Abend verläuft etwas anders. „Tumbling Dice“ vom „Exile On Main St.“-Album gibt es gleich als viertes Stück. Die Ballade klingt rau und ungeschliffen. Auf Wunsch des Publikums, das im Internet abstimmen konnte, gibt es „Get Off Of My Cloud“.

Die Bühne wird von großflächigen Videoschirmen flankiert, die Lichtregie ist von routiniertem Einfallsreichtum. Dennoch wird, abgesehen von pyrotechnischen Einlagen, auf opulente Bühneneffekte verzichtet. Hier zählen nur die Musiker auf der Bühne. Mitunter bekommt das Ganze einen Hauch von Intimität wie bei einem Klubkonzert, zu dem sich ein paar Kumpels zum Musikmachen verabredet haben. Zu diesen Kumpelmusikern zählen auch Keyboarder Chuck Leavell und Saxofonist Bobby Keys, die seit Jahrzehnten dem Stones-Tross angehören. Wie auch Saxofonist Tim Ries, Chorsänger Bernard Fowler und Chorsängerin Lisa Fischer, die bei „Gimme Shelter“ ihren großen Auftritt hat. Jagger hat sich sogar ein wenig Deutsch raufgeschafft, um mit dem Publikum zu kommunizieren. „Oh diese Waldbühne“, ruft er, „was für ein schöner Ort“.

Es ist das vierte Mal, dass die Stones in der Waldbühne auftreten. 1965, in den Aufbruchsjahren der Rockmusik, ging in einem Ausbruch jugendlicher Rebellion die ganze Bühne zu Bruch und blieb über Jahre verwüstet. Heute ist das Publikum bereits in der zweiten Lebenshälfte angekommen. Und dennoch sieht man auch in Stones-Konzerten zwischen all den grauen Mähnen überraschend jugendliche Besucher, offenbar neugierig darauf, was die Alten ihnen noch zu sagen haben. Eine rhythmisch geschlagene Kuhglocke erklingt und jeder weiß, was nun folgt: „Honky Tonk Women“, der Single-Hit von 1969, der zunächst als Country-Version auf „Let It Bleed“ erschien. Mick Taylor war maßgeblich daran beteiligt, dass es zu dieser rüde rockenden Fassung kam. Ein Refrain zum Mitsingen. Die Waldbühne lässt sich nicht zwei Mal bitten.

Die Stones können aus einem schier unerschöpflichen Hitreservoir schöpfen. Ein Wiederhören mit alten Bekannten. Von „Gimme Shelter“ bis „Miss You“, von „Jumping Jack Flash“ bis „Brown Sugar“, von „Sympathy For The Devil“ bis „(I Can’t Get No) Satisfaction”. Und Keith Richards bekommt auch wieder Raum für einen Soloauftritt. „You Got The Silver“ röchelt er ins Mikrofon, ebenfalls vom „Let It Bleed“-Album. Was sind schon all die Falten und Blessuren, die das fortschreitende Leben mit sich bringt, gegen diese Momente im Rampenlicht, vor einem Publikum, das einem das Gefühl gibt, immer noch gebraucht zu werden.

Nötig hätten die Rolling Stones die Tournee-Strapazen freilich nicht mehr. Aber Rolling Stone zu sein ist nicht nur eine Frage des Geldes. Es ist eine Lebensaufgabe. Sie können gar nicht anders. Und deshalb stehen sie heute Abend in der Waldbühne und geben dem Publikum prägende Momente seiner Jugend zurück.

Ein Bonbon haben sie sich für den Zugabenteil aufgehoben. Bei „You Can’t Always Get What You Want“ wird die Waldbühne zur Gospelkathedrale. Dafür haben sich die Rolling Stones den Fabulous Fridays Chor von der Berliner Universität der Künste (UdK) in die Waldbühne geholt. Die jungen Sänger meistern ihre nicht einfache Aufgabe mit Bravour. Und mit einer rabaukigen Version von „Satisfaction“ schicken die Rolling Stones ein überwältigtes Publikum in die laue Berliner Nacht.