Klassik-Kritik

Dirigent Bychkov führt Don Quixote behutsam vor

Philharmoniker-Ständchen zum Jubiläum von Richard Strauss

Die in Berlin geplanten musikalischen Ehrungen zum 150. Geburtstag von Richard Strauss stehen unter keinem guten Stern: Das Kammerkonzert der Staatskapelle wurde krankheitsbedingt abgesagt, und auch auf Lorin Maazels lang erwartetes Comeback am Pult der Berliner Philharmoniker musste das Publikum verzichten. Für ihn übernimmt dieser Tage Semyon Bychkov, der sein Philharmoniker-Debüt bereits 1985 als Ersatz für Riccardo Muti leitete und danach wiederholt als Ersatzmann brillierte. Von Maazels geplantem reinen Strauss-Programm bleibt nur die Tondichtung „Don Quixote“, doch die wird zu einer wahrhaft triumphalen Hommage an den Jubilar.

Unter Bychkovs behutsamem Dirigat bleibt Cervantes’ Held ein Ritter der traurigen, nie der lächerlichen Gestalt. Schon mit den ersten Tönen öffnet sich der Raum ins Weite, beginnt der Herzschlag der Musik aufgeregt zu pulsieren. Mit größtmöglicher Transparenz arbeitet der Dirigent die Vielgestaltigkeit der Motivik, den Reichtum der Klangfarben heraus. An diesem Strauss ist nichts Schweres und doch hat er Substanz. Er entwickelt seine Kraft organisch, nie auftrumpfend, sondern stets wie selbstverständlich aus dem „Kampf eines Themas gegen ein Nichts“ (Strauss). Die Kontraste, der Widerstreit des Quixote verkörpernden zurückgenommenen Cello-Spiels von Bruno Delepelaire mit dem leichtfüßigen Sancho Pansa des Solo-Bratschers Maté Szücs etwa, werden klar und detailscharf vorgestellt, aber nie dramatisch überhöht, ähnliches gilt für die Abenteuer des glücklosen Ritters. Das Ende ist leicht, zart und beinahe freudig. Semyon Bychkov flutet diesen Strauss mit Licht.

Nach der Pause steht dann Franz Schuberts „große“ C-Dur-Sinfonie auf dem Programm. Wo bei Strauss die Klangfülle des Orchesters ins Weite strebte, setzt Bychkov hier auf einen deutlich schlankeren, konzentrierteren Klang. Es bleibt die Transparenz, es bleibt die unerhörte Leichtigkeit des Spiels. Bychkov lässt die Musik fließen, Spannung entsteht als ein natürliches, organisches Wachstum der Musik aus ihrem Kern. Hier ist alles lebendig, freies Atmen bei höchster Präzision. Die Celli-Klage im zweiten Satz ist bis zur Zerbrechlichkeit zurückgenommen, das phänomenale Trio des dritten Satzes lugt staunend aus dem melodischen Fluss hervor, sein eigenes Wunder kaum begreifend. Immer wieder wird die Musik zu einem unsicheren Tasten auf dem Weg in die Stille. Sie ist Ausgangs-und Endpunkt, sie ist das Ziel all dieses Wirkens. Diese Konsequenz, mit der alles einander bedingt, auseinander entsteht und ineinander fließt, beschert dem Publikum eine große musikalische Erfahrung. Der „Ersatzmann“ Semyon Bychkov spielt längst in der ersten Liga.