Opern-Kritik

Zwei Sängerinnen kämpfen um einen Grafen

Joyce DiDonato siegt als Maria Stuarda an der Deutschen Oper

Für diese Abende wird die Deutsche Oper zu Recht seit Jahren gerühmt: Abende, die den Belcanto in Reinkultur zelebrieren. Ohne Bühnenbild und Regieanweisungen, ohne Kostüme und Körperverrenkungen. Auch diesmal lockt das Haus wieder mit einem besonders großen Namen: Joyce DiDonato als Maria Stuarda. Schon an der New Yorker Metropolitan Opera hat die Amerikanerin in Gaetano Donizettis gleichnamiger Belcanto-Oper triumphiert. Nun ist ihre aufregende Wandlung vom lyrischen Mezzo zum dramatischen Sopran auch in Berlin hautnah zu erleben. Die 45-Jährige durchbebt jene Partie, in der einst die Sopran-Primadonnen Joan Sutherland und Edita Gruberova glänzten. DiDonatos pfeilschneller, wendiger Ton packt und fasziniert. Nach gut 20 Jahren Gesangskarriere scheint ihre Stimme einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben. Sie verleiht der Maria Stuart feurige Schärfe und luftige Leichtigkeit, spritzt vor Wut und Leidenschaft, wälzt sich in Liebesqualen und Todesfurcht.

Immerhin 70 Opern hat Donizetti in 28 Jahren aus der Feder fließen lassen, die meisten harren noch der Wiederentdeckung. Seiner „Maria Stuarda“ von 1834/35, basierend auf Friedrich Schillers Tragödie, merkt man die handwerkliche Routine recht deutlich an. Das Werk benötigt beste Sänger, um zu erblühen. Das erbarmungslose Duell zwischen der gefangengesetzten Maria Stuart und ihrer Richterin Königin Elisabeth – es funktioniert nur mit zwei gestandenen Primadonnen in Hochform. Und damit kann die Deutsche Oper dienen.

Die Italienerin Carmen Giannattasio tritt Joyce DiDonato mutig entgegen. Während DiDonato konsequent im schwarzen Designerkleid bleibt, wechselt Giannattasio mit jedem Akt die Farbe ihres Gewandes. Die Stimmen der Kontrahentinnen unterscheiden sich klar: agil und direkt die Amerikanerin, gewichtiger und muskulöser die Italienerin. Kaum zu glauben, wie der stämmige Joseph Calleja zwischen diesen beiden Sängerinnen als Graf Leicester ins Schwitzen gerät. Der maltesische Tenor, Jahrgang 1978, bietet all seine Kräfte auf, verzichtet weitestgehend auf leise Töne, auf verführerischen Samt. Doch den braucht er auch gar nicht: Beide Frauen sind Graf Leicester schon von Anbeginn der Oper in tragisch fataler Liebe verfallen. Sein Bekenntnis zu Maria Stuart schürt Elisabeths Eifersucht ins Ungeheuerliche.

Das Orchester der Deutschen Oper gibt sich zurückhaltend und schmiegsam. William Spauldings Opernchor thront kompakt und selbstbewusst. Dirigent Paolo Arrivabeni pflegt flexible, sängerdienliche Tempi. Und Joyce DiDonato reißt das Publikum von den Sitzen.