Roman

„Der schöne Gast“ und die großen Schätze alter Bücher

Euphorie hat viele Gesichter: Die Hauptfigur in Anna Katharina Fröhlichs Buch „Der schöne Gast“, Tochter eines Botanikers, wird zum Beispiel euphorisch, wenn sie ins feuchte, dunkelgrüne Tal hinter ihrem Garten schaut oder Poesie ihren Geist in Schwingung versetzt.

Hier, am Fuß des Monte Baldo am Gardasee in Norditalien, im alten Haus ihres Vaters nebst Bibliothek und ausgedehnten Gärten, lärmen die Motorsensen und Rasentrecker nur von Ferne. In ihrer gut laufenden Kräutergärtnerei arbeitet sie nur das Nötige, lässt sich mit einem Buch auf der Ottomane hinter roten Vorhängen nieder und fühlt die Erhabenheit des Geistes sich wohlig in allen Gliedern ausbreiten.

Den Leidenschaften hat diese Figur, die sich der Moderne widersetzt, längst abgeschworen, und als nach langer Abstinenz der erste geistreiche Mann auftaucht, um ihr Dasein mit Verrücktheiten anzufüllen, wird er sich alsbald ihren ungeschriebenen Regeln fügen und sie mit Früchten und den Schätzen aus alten Büchern füttern statt mit erotischen Pikanterien.

Sie hat doch ihre Wahl getroffen und so albernen Dingen wie Verliebtheit abgeschworen: „Ich hatte sie satt, die Enttäuschung, wo doch mein ganzes Wesen für die Täuschung gemacht war, für den Traum, für Max Ophüls, für blauen Dunst und für den Zirkus. Die Männer, die mir insgeheim seit meinem zwölften Lebensjahr vorschwebten, hatten allesamt etwas von den Helden Puschkins an sich, (...) von Duellanten und Draufgängern mit hochanständigem Herzen.“

Schon hier, bevor die Geschichte von einer neuen, fremdartigen Zügellosigkeit erfasst wird, gelingt es der überaus sprachgewandten, belesenen und dabei angenehm selbstironischen Ich-Erzählerin, den Leser in ihre üppige „Welt von gestern“ zu locken und ihm die Erkenntnis in den Kopf zu träufeln, dass diese verlockende Daseinsform doch auch heute noch die richtige sein könnte. Schließlich kann die Ich-Erzählerin gerade so davon leben, was ihre Gärten an Kräutern abwerfen.

Anna Katharina Fröhlich: Der schöne Gast, Hanser Berlin, 240 Seiten, 18,90 Euro.