Der Mann für den Datenschutz

Warum der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Jaron Lanier eine Sensation ist

Eine Sensation, eine wirkliche Sensation. Pünktlich zum Jahrestag von Edward Snowdens NSA-Enthüllungen hat der Stiftungsrat einen amerikanischen Informatiker und Sachbuchautor zum diesjährigen Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels gekürt. Jaron Lanier wird ein Name sein, den im Literaturbetrieb definitiv nicht jeder kennt. Mit ihm als Preisträger hat sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dieser Dachverband der so oft als konservativ gescholtenen Branche, beweglicher erwiesen als die Darmstädter Akademie, die beim Büchner-Preis erst letzte Woche ausgesprochen rückwärtsgewandt agierte.

Geld durch Computerspiele

1960 in New York geboren, wuchs Lanier in New Mexiko auf. Er war ein Schulabbrecher, der dann aber irgendwie doch noch in der Mathe-Vorlesung an der New Mexico State University landete und später Technologiegeschichte schrieb. „Moondust“, ein von ihm entwickeltes Computerspiel, spielte Lanier das nötige Geld in die Kassen, um 1984 mit Gleichgesinnten in Palo Alto VPL Research zu gründen. VPL steht für „Visual Programming Language“ und war die erste Firma, die Produkte für die „virtuelle Realität“ herstellte – den Begriff erfand Lanier praktischerweise gleich dazu. Es war die erste hohe Zeit des Cyberspace – ein Begriff, der bezeichnenderweise auch 1984 durch den Science-Fiction-Autor William Gibson geprägt wurde. Ob Datenhandschuhe oder Cyberbrillen (die damals noch eher wie Helme aussahen als wie Google Glass) – viel von dem, was die 3D-Grafik im Videospielmarkt und Kino später revolutionierte, haben Lanier und seine Kumpels mitentwickelt.

Lanier schrieb als Produktpionier keine gesellschaftsweite Erfolgsgeschichte wie ein Steve Jobs mit Apple. Er war und blieb immer auch Querdenker und Vordenker, dem die Idee der digitalen Aufklärung mindestens so wichtig blieb wie ihre Monetarisierung.

Er war an diversen Projekten zur Grundlagenforschung beteiligt und ist, vor allem im letzten Jahrzehnt, auch mit verschiedenen Büchern in Erscheinung getreten. Schon dass ein digitaler Pionier Debatten immer noch in Büchern stattfinden lässt, zeigt, dass die wirklich wichtigen Leute alte und neue Medien weit weniger dogmatisch gegeneinander ausspielen als die Branchen und ihre Apologeten, die sie bewirtschaften.

Mit Laniers Thesen hatte sich die Netzgemeinde durchaus kontrovers auseinanderzusetzen. In „Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht“ (2010) wetterte er gegen die OpenSource-Bewegung. Die Idee, dass die kostenlose Schwarmintelligenz von der freien Software bis zu Wikipedia alles sozialisiert und damit auch Berufe vernichtet, nannte er „digitalen Maoismus“. Sein letztes Buch, das dieses Frühjahr erschien, heißt „Wem gehört die Zukunft?“ und macht sich Gedanken, wie das Internet unser Wirtschaftsleben verändert. Wird die Digitalisierung ganze Branchen vernichten, wie es in der Musik schon der Fall ist?

Man muss Laniers Ideen zur digitalen Aufklärung weiß Gott nicht alle teilen. Aber Lanier steht dafür, dass Netzöffentlichkeit mehr ist als jene, mobartig agierende Netzgemeinde, die sich den Tag mit Shitstorms vertreibt, während sie bei Differenzierungen schnell das Weite im digitalen Nirwana sucht. Mit Lanier wird nicht nur eine Vergangenheit honoriert, sondern auch in die Zukunft gewiesen, die uns alle angeht. Man tritt dem Friedenspreis nicht zu nahe, wenn man ihm nachsagt, dass er in den letzten Jahren zu einer latent berechenbaren Veranstaltung im deutschen Literaturbetrieb geworden war. Nicht umsonst wurde auch diesmal wieder vor der Preisvergabe gemutmaßt: Wo sind die üblichen Verdächtigen – womit gar nicht mal die Autoren gemeint waren, sondern die Konfliktgebiete. Türkei, Frauenrechte, Europa, deutsch-israelische Aussöhnung, Ukraine und/oder Osteuropa, wer war schon dran, wer müsste noch? Syrien?

Der gestörte Rechtsfrieden

Es war eben schon so, dass das geopolitisch orientierte Vergabesystem einer gewissen Berechenbarkeit unterlag. Nun weht frischer Wind, der in mehrfacher Hinsicht guttut: Zum ersten Mal wird jemand aus der digitalen Sphäre bedacht. Und zugleich wird das Internet selbst als ein Bereich unseres Zusammenlebens wahrgenommen, für den Friedensfragen nicht minder relevant sind wie für den nicht virtuellen Raum.

Geheimdienstskandale, Zensur, staatliche Überwachung, aber auch Wirtschaftsspionage, Datenkriminalität oder schlichte Beleidigungen in sozialen Netzwerken – der Rechtsfrieden ist durch seine Digitalisierung bestimmt nicht sicherer geworden. Vielmehr gilt: Je größer der Bereich des Digitalen in unser aller Leben eingreift, desto mehr wird deutlich, dass auch dieser Bereich, den die deutsche Bundeskanzlerin ebenso viel bespöttelt wie treffend als „Neuland“ titulierte, Regeln braucht. Sprich: Nicht nur das Recht des Stärkeren (Google, NSA) im Umgang mit Daten.

Früher waren wir im Kalten Krieg, heute sind wir im Daten-Krieg, und das auf gleich mehreren Konfliktebenen: Privat versus öffentlich, Bürger versus Staat, Wettbewerb versus Industriespionage. Sogar das Recht auf Vergessen, was persönliche Bloßstellung angeht, steht gegen die Zensur auf Knopfdruck: Das Internet ist eine Sphäre, die noch jede Menge Bemühungen für den Rechtsfrieden braucht, ja vielleicht Umgangsregeln überhaupt. Heute wissen wir: Das Internet hat Dimensionen, deren staatliche und kommerzielle Konsequenzen wir noch gar nicht richtig überblicken. Eben dafür brauchen wir Propheten und Aufklärer wie Lanier.

Er, den man ob seines Aussehens leicht mit einem Guru verwechseln kann, weil er mit seinen verfilzten Dreadlooks und Schlabber-T-Shirts wie das leibhaftige Internet-Orakel wirkt, gibt uns wertvolle Lektionen in Sachen Datenfrieden. Im 21. Jahrhundert gilt es, über Fragen unserer Datensicherheit nachzudenken. Darin liegt das Wegweisende dieses Preises für Jaron Lanier.