Jubiläumsjahr

„Du sollst nicht schwitzen“

Was der Dirigent Richard Strauss in seinen Berliner Jahren an der Hofoper alles lernte

Richard Strauss hatte es nie ganz leicht in Berlin. Nur einmal ließ sich Kaiser Wilhelm II. vom Kronprinzen überreden und besuchte eine Strauss-Oper, den „Rosenkavalier“. „Det is keene Musik für mich“, sagte er anschließend. Im Berlin der Gründerzeit ging es bei Hofe prüde zu. Es gibt eine eigene Hofopernversion vom „Rosenkavalier“, worin sich der blutjunge Liebhaber Octavian nicht hinterm Bett (zu anzüglich) der reiferen, gerade befriedigten Marschallin, sondern hinterm Schirm verstecken muss. Die blutrünstige „Salome“ konnte nur deshalb aufgeführt werden, weil der Intendant die rettende Idee hatte, am Ende den Stern von Betlehem aufgehen zu lassen. Zur Beschwichtigung der Gemüter.

Spannungen lagen allenthalben in der Luft. Und so verwundert es kaum, dass jetzt – wo die Musikwelt am 11. Juni den 150. Geburtstag des Münchner Komponisten feiert – die Semperoper in Dresden frohlockt und sich als das Strauss-Traditionshaus vermarktet. Dort fanden die großen Uraufführungen statt, keine einzige dagegen an der Berliner Hofoper. Der Komponist wollte es nicht. Auch im Jubiläumsjahr kann kaum die Rede davon sein, dass Strauss in Berlin besondere Ehrungen erfährt, wie es in der Opern-Topliga Mozart, Wagner, Strauss eigentlich üblich wäre. Das Jubiläum tröpfelt eher dahin. Die Opernhäuser schweigen. Die Philharmoniker spielen in dieser Konzertwoche zumindest ein Stück Strauss, die Staatskapelle gibt als frühere Strauss-Kapelle am Donnerstag im Schiller-Theater ein kammermusikalisches Ständchen für ihren großen Chef.

Wohnung in Charlottenburg

Richard Strauss hatte im November 1898 sein Amt als Preußischer Hofkapellmeister an der Hofoper angetreten. Seine Frau habe eine Wohnung in der Knesebeckstraße 30 angemietet, schreibt er in einem Brief: neun Zimmer mit Luftheizung für 2800 Mark. Das Paar wird in den Jahren mehrfach umziehen, aber immer in Charlottenburg, das damals noch nicht zu Berlin gehörte, wohnen bleiben. Strauss erklärt auch, was ihn an der Stadt reizt: „Erstens gefällt mir Berlin mit seinen herrlichen Verkehrsmitteln.“ Für den Staatskapellen-Bratscher Wolfgang Hinzpeter ist das ein wichtiges Zitat, weil es zeige, dass Strauss ein moderner, technikaffiner Mann war. Ähnlich wie Herbert von Karajan später. Aber bei Strauss, den viele für rückwärtsgewandt halten, würde es heute keiner so recht glauben wollen. Dabei war der Komponist und Dirigent ein Gründer und Erneuerer und dementsprechend viel unterwegs. Ein Foto von 1924 zeigt ihn stolz an seinen Mercedes gelehnt. Der Starkünstler sorgte auch dafür, dass die Kasse immer klingelte. Später, während der Nazi-Zeit erwies er sich als ein Opportunist. Strauss starb 1949.

Hinzpeter hat sich tief in die Strauss-Geschichte seiner Staatskapelle eingearbeitet. Es sei etwas Wunderbares, sagt er, wenn ein Kollege erzählt, dass ihm ein alter Kollege erzählt habe, wie es einem anderen davor bei Strauss erging. Eine durch die Generationen weiter gereichte Maxime lautet: Nicht jede Note auszuspielen ist wichtig, sondern dass der Gesamteindruck stimmt. Heute würde man vielleicht sagen, Strauss war ein cooler Dirigent. Seine Körpersprache war sehr zurückgenommen. Minimale Bewegungen mit der rechten, die linke Hand an der Seite hängend. „Du sollst nicht schwitzen, nur das Publikum soll warm werden“, lautete die zweite seiner „Zehn goldenen Regeln für Dirigenten“. So solle man auch nie die Blechbläser aufmunternd anschauen, wenn man vom Rest des Orchesters etwas hören wolle. Schwer zu sagen, wie viele Erfahrungen aus seiner Zeit bei der Staatskapelle stammen. Es waren schließlich auch seine prägenden Jahre als Dirigent.

Als Operndirigent sollte er in den kommenden zehn Jahren an die 700 Mal am Pult der Staatskapelle stehen, das heißt zwischen 50 und 90 Abende pro Saison. So viele Vorstellungen im Repertoirebetrieb würden heute nur noch manche Assistenten leiten, sagt Hinzpeter. Schließlich wollte Strauss mehr komponieren und verlegte sich auf die alljährlich zehn Sinfoniekonzerte plus einige Opernaufführungen. Er wird gefeiert, obwohl, wie er schreibt, „die Opernhauskonzerte das allerkonservativste Publikum, Adel und viele alte Jungfern haben“. Sprich, es gibt „starkes Zischen“. 1919 wechselt er nach Wien. Aber auch später ist er regelmäßig am Pult der Kapelle, insgesamt gut 1200 Mal. In den Jahren zwischen 1898 und 1939 hat er an der Berliner Oper insgesamt 253 Mal Wagner, allein die „Meistersinger“ 73 Mal, dirigiert. Eigene Werke hat er 200 Mal aufgeführt, am die „Salome“ (76), gefolgt vom „Rosenkavalier“ (38) und der „Elektra“ (21).

An dritter Stelle folgt Mozart. Darüber hinaus hat sich Strauss, was fast vergessen ist, für die Bach-Pflege eingesetzt. Seine Sinfoniekonzerte waren mit Meisterwerken bunt gemischt und forderten einige Ausdauer vom Publikum. Die heutige dramaturgische Konzertplanung ist ja erst nach dem Zweiten Weltkrieg üblich geworden. Hinzpeter verweist auch auf die merkwürdige Strauss-Praxis, seinen Einaktern eigene Tondichtungen voran zustellen. Das „Heldenleben“ erklang vor der „Salome“, „Don Juan“ vor der „Elektra“. Bis ins hohe Alter hinein betonte Strauss immer wieder, dass er ein Künstler jener Epoche sei, die 1918 endete. Das waren seine Jahre in Berlin.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Hommage an Richard Strauss. Tel. 20354555 Am 5.6. um 20 Uhr