Theater

Gedenken an George Tabori, einer Jahrhundertfigur

Berliner Ensemble feiert den Regisseur mit einem Fest

„Ich möchte so sterben, wie ich geboren bin, nur andersherum“ – das war einer der Lieblingssprüche von George Tabori. Ebenso wie der „kürzeste deutsche Witz: Auschwitz“. Am heutigen Sonnabend vor 100 Jahren wurde Tabori (1914-2007) in Budapest geboren, katholisch getauft, seine jüdische Identität wurde erst durch den Holocaust restauriert. Auch schwerste Themen nahm er mit (schwarzem) Humor und Witz. Seine Stücke wie die Hitler-Groteske „Mein Kampf“, in dem der Jude Schlomo Herzl in einem Wiener Männerheim vor dem 1. Weltkrieg mit einem gewissen Adolf Hitler Freundschaft schließt und ihm den Tip für einen griffigen Buchtitel („Mein Kampf“) gibt, aber auch „Die Goldberg-Variationen“ oder „Die Kannibalen“ (jüngst am Berliner Ensemble neu inszeniert) stehen immer noch auf den Spielplänen.

Seine Heimat war das Theater – auch das so ein klassischer Tabori-Spruch. Als ich ihn zusammen mit einem Kollegen anlässlich seines 90. Geburtstages in der Kantine des Berliner Ensembles interviewte, hatte ich Glück: Tabori hörte auf einem Ohr ganz schlecht, ich saß auf der anderen Seite, der Kollege verzweifelte, weil er ständig alles wiederholen musste. Das Berliner Ensemble war Taboris letzte künstlerische Heimat; er war mit Direktor Claus Peymann vom Wiener Burgtheater gewechselt.

Tabori war eine Jahrhundertfigur. Er kam im 1932 nach Berlin, um im Adlon eine Lehre als Hotelboy zu machen, führte ein Wanderleben der Emigration zwischen Ungarn, Deutschland, England (wo er in London für die BBC und später für den britischen Geheimdienst im Nahen Osten arbeitete) und den USA, bevor er Ende der 60er-Jahre nach Deutschland und Österreich zurückkehrte. Sein zentrales Thema war die Judenverfolgung. Sein Vater und zahlreiche Verwandte wurden in Auschwitz ermordet. Tabori behandelte dieses Thema auf eine unerhörte Weise. Der größte Tabubruch war gleich sein erstes Stück 1969 in Berlin, „Die Kannibalen“: In Auschwitz wollen Häftlinge einen toten Mitgefangenen aufessen.

Das Berliner Ensemble (BE) erinnert am Sonnabend um 20 Uhr mit einem „Fest für George“ an den 100. Geburtstag. Zu dem Erinnerungsabend für den Regisseur, Dramatiker und Schriftsteller werden viele Schauspielstars erwartet. Darunter Cornelia Froboess, David Bennent und Therese Affolter, wie das BE ankündigte. Auch die Witwe des Theatermachers, die Schauspielerin Ursula Höpfner-Tabori, sowie Filmregisseur Michael Verhoeven haben zugesagt. Der Fernsehsender 3sat zeigt am Sonnabend die neue Dokumentation „Der Spielmacher – George Tabori in Amerika“ (20.15 Uhr) sowie die Verfilmung von „Mein Kampf“ (21 Uhr) mit Tom Schilling als junger Adolf Hitler und Götz George als Buchhändler Schlomo Herzl.