Literatur

Wenn der Chef sich plötzlich für seine Putzfrau interessiert

Über Liebe erzählt Jojo Moyes in „Weit weg und ganz nah“

Mann weg, ein Pflegesohn (Nicky), der ständig von den Nachbarjungen verprügelt wird, und eine Tochter (Tanzie), deren Mathematik-Hochbegabung nicht gefördert werden kann, weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlt: Jess, Mitte 30, hat wahrlich kein leichtes Leben. Sie schuftet für drei, aber es reicht nicht.

Eigentlich hat sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden, doch dann erhält die kleine Tanzie die Chance, auf eine Eliteschule zu gehen. Sogar mit Stipendium. Lediglich 500 Pfund müsste Jess zuschießen. 500 Pfund. Für die Kunden, deren Wohnungen sie putzt, Kleingeld, aber für sie unmöglich aufzubringen – wäre da nicht eine mit hohem Preisgeld ausgestattete Schüler-Olympiade für Mathematik, irgendwo in Schottland. Nur, wie hinkommen, ohne Geld für Bahnfahrkarten? Ob der im Schuppen vor sich hin gammelnde Wagen des Ex-Mannes diese Tour schafft?

Natürlich – so viel sei an dieser Stelle verraten – nicht. Doch Rettung naht. Und weil wir hier im neuen Roman von Jojo Moyes sind, kommt diese Rettung von unerwarteter Seite. Von Jess’ Arbeitgeber Ed nämlich, einem wohlhabenden Softwareentwickler, der seine Putze zwar bisher nicht mit dem Hintern angeguckt hat, aber sein weiches Herz entdeckt, als er sie nebst Kindern und Hund eines abends am Straßenrand gestrandet sieht. Also sammelt er die ganze Bande ein und macht sich mit ihnen auf eine lange Reise, die alle Beteiligten nachhaltig verändert.

Mit „Ein ganzes halbes Leben“ gelang der Britin Jojo Moyes, 44, vor knapp zwei Jahren der Durchbruch. 1,2 Millionen Exemplare wurden allein in Deutschland verkauft; die Liebesgeschichte zwischen einem Schwerstbehinderten und seiner Pflegerin ist mittlerweile in 31 Sprachen übersetzt worden, das Hollywood-Studio MGM sicherte sich die Filmrechte.

In „Weit weg und ganz nah“ variiert Moyes nun ihr Erfolgsmodell: Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten finden allen Widrigkeiten zum Trotz zueinander, auf dass die Protagonistin irgendwann mit einem Seufzer feststellen kann: „So fühlt sich Glück an.“ War „Ein ganzes halbes Leben“ eine bittersüße Liebesgeschichte, von der auch Mann sich kaum losreißen konnte und die nebenbei ein brisantes Thema – das Recht auf den eigenen Tod – behandelte, ist das aktuelle Schicksalsstück deutlich leichtgewichtiger und vor allem durchschaubarer. Über weite Strecken gelingt es Moyes wieder, eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen, die zwar keinen Subtext bietet, aber manchmal muss es eben die Banalität der Gefühle sein. Zum Beispiel am Strand oder auf der Liegewiese.

Jojo Moyes liest am 25.6. um 20 Uhr im Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, Mitte