Kino

„Man kann auch lernen von Touristen“

Nana Rebhan hat eine Doku gedreht über den Tourismus-Boom in Berlin und warum den so viele fürchten

Wir tun heute etwas, was man als Berliner ja eigentlich nicht tut. Wir steigen in einen Touristen-Bus. Das haben wir bislang stets abgelehnt. Selbst wenn Besucher zu Gast das machen wollten, haben wir uns stets verweigert. Schließlich kennt man seine Stadt. Und muss sie sich nicht erklären lassen. Heute aber tun wir es. Mit Nana Rebhan. Die Dokumentarfilmerin hat nämlich einen Film gemacht über den Tourismus-Boom in der Stadt. Und mehr noch über die Bewohner, die davon betroffen und oft genervt sind: „Welcome Goodbye“ kommt nächste Woche ins Kino.

Die Berlinerin (eine zugewanderte, wie sie offen zugibt) ist dafür an die touristischen Brennpunkte gegangen. Ist dafür auch erstmals in einen dachfreien Doppeldecker-Bus gestiegen. Mit der Busfahrt beginnt der Film. Und nachdem wir uns am Checkpoint Charlie mit zahllosen Touristen in den Bus gezwängt, einen Platz oben erkämpft haben und dort ein Stadtführer am Mikro nun sein Programm abspult – deutlich gelangweilter als der Kollege im Film –, erzählt uns die Filmemacherin, wie sie auf die Idee gekommen ist.

Hassparolen an der Wand

Vor vier Jahren hat sie ihren eigenen Kiez erkundet, den Park, durch den sie jeden Morgen joggt. „Hasenheide“ ist ein kleiner Berlin-Hit geworden. Auch ihr nächster Film sollte wieder von der Stadt handeln, aber nicht mehr so „mikrokosmosmäßig“. Das Thema lag dennoch direkt auf der Straße. Auch in ihrem Kiez. Überall fand sie Aufkleber wie „Berlin don’t love you“, Sprüche an der Wand wie „No more Rollkoffer“ oder gar Drohungen à la „Touristen fisten“. „Ich habe mich gewundert, warum Berlin so ein Problem damit hat“, sagt sie. „Touristen gibt es doch in allen Städten, und gerade hier leben doch so viele Zugewanderte.“ Wie kommen die zu solch harschen Abwehrhaltungen, noch dazu, wo doch jeder irgendwann verreist und anderswo auch Touri ist?

Sie begann zu recherchieren. Und kam auf Zahlen wie diese: 11.406.696 Übernachtungen zählte man 2003 in der Stadt, 26.942.696 im vergangenen Jahr. In einem Jahrzehnt hat sich die Touristenzahl mehr als verdoppelt. Und sie machte sich daran, mit Leuten darüber zu sprechen. Mieter, die genervt sind, dass Wohnungen in ihrem Haus als Ferienzimmer zweckentfremdet werden und unter dem Lärm leiden. Eine Künstlerin, die aus ihrem Hof-Biotop auszog, weil ganze Busscharen hier einfielen. Ein Wirt, der in Neukölln eine Bar eröffnete, als Kreuzkölln noch alles andere als angesagt war, sich jetzt aber auch etwas schuldig fühlt, dass der Kiez so überrannt wird.

Nana Rebhan hat mit Burkhard Kieker gesprochen, dem Geschäftsführer von Visit Berlin, der klar postuliert, dass Berlin die Gentrifizierung braucht: „Wir sind hier im Place to be. Wer nicht im Zoo sein möchte, muss nach Osnabrück gehen.“ Aber auch mit einem Metropolenforscher (so etwas gibt es auch), der zu bedenken gibt, dass Berlin durch seine Geschichte als geteilte Stadt lange keine natürliche Tourismus-Entwicklung erlebt hat und dass nun in unheimlicher Rasanz aufholt.

Über 100 Stunden Material sind so zusammengekommen. Es sei oft nicht leicht gewesen, Gesprächspartner vor die Kamera zu kriegen. Wer Hass-Aufkleber designt oder als Wirt laute Touris nicht bedient, will das nicht offen zugeben. Nana Rebhan hat auch viele getroffen, die es am Ende nicht in den Film geschafft haben. Politiker etwa wie Jan Stöß oder Christian Ströbele, die zwar schöne Sachen gesagt haben, aber nicht unbedingt zum Thema. „Uns ging es um die Inhalte“, da ist sie resolut, „und nicht um den Promi-Faktor.“

Aber die 35-Jährige wollte nicht nur Positionen einholen, nicht nur Reaktionen auf Touristen einfangen. Sie wollte die betroffene Klientel schon auch abbilden. Und das nicht nur, indem sie beliebte Anlaufpunkte wie den Mauerpark oder den Alex besucht. Deshalb holte sie sich „Christian“ dazu, ein Mann, der sich offen fragt, wie er als Bewohner vom allgemeinen Tourismus-Boom profitieren kann. Und sich als garantiert waschechter Berliner Reiseführer anbietet. Touris vom Flughafen abholt. Auch an weniger bekannte Orte führt. Ihnen Location für einen potenziellen Berlin-Film sucht. Oder ihnen gar seine Wohnung, sein Leben überlässt, nebst Blumengießen und Mutterbesuch. Ein herrlicher Kunstgriff, eine komische zweite Ebene, die den Ernst der Interviews immer wieder ironisch bricht.

Neue Ansichten über die Stadt

Schon vor zwei Jahren hat Nana Rebhan begonnen, ihren Film zu entwickeln. Jetzt kommt „Welcome Goodbye“ just zu einer Zeit in unsere Kinos, da die Ferienwohnungs-Schwemme zum großen Aufreger-Thema geworden ist und ein neues Gesetz verabschiedet wurde, das das langfristig eindämmen will. Plötzlich ist ihr Film brandaktuell. Nicht nur Berliner Kinos interessieren sich dafür. Es gibt auch überregionale Anfragen. Und es wird sogar schon mit einem Weltvertrieb verhandelt.

Der Film ist wie eine Seelentour durch die Stadt. Sehr ausgewogen werden die unterschiedlichen Positionen dargelegt. Bei einigen nickt man sofort mit, bei anderen schüttelt man den Kopf. Aber es gibt eben Wahrheiten auf beiden Seiten. Nach dem Film wird man das Reizthema differenzierter betrachten. Und mehr noch: „Man kann“, sagt Nana Rebhan, „von Touristen auch lernen. Die kommen mit so viel Euphorie und Offenheit hierher. Und wir bekommen auch etwas von ihnen: einen neuen, offenen Blick auf unsere Stadt.“ Man muss das nur annehmen können.

Unsere Bustour ist am Ende. Der Reiseführer vorn hat komische Dinge erzählt. Aber die Regisseurin mitten unter den Touris hat ein paar erstaunliche neue Einsichten eröffnet.