Revival

Wenn Frauen wieder zu Mädchen werden

Musik und Muskeln: New Kids on the Block im Tempodrom

16. November 1991, 18 Uhr, Eissporthalle Memmingen, Stehplatz: 47 Mark. Mein erstes richtiges Konzert, dabei kannte ich die New Kids On The Block gar nicht richtig. Dafür war meine Freundin Leonie großer Fan, träumte jede Nacht in der offiziellen New-Kids-Bettwäsche von Joey McIntyre (Joey war der süßeste, auch laut offiziellem „Bravo“-Ranking). Ehrfurchtsvoll standen wir damals in einer Halle voller Mädchen, die einige Ampere lauter kreischten als die Memminger-Musikanlage, weit weg auf der Bühne hampelten fünf Silhouetten herum und es gab Cola, ganz ohne Diskussion. Nach dem Auftritt war Leonie völlig verheult und ich nachhaltig beeindruckt, dabei war die große Zeit der New Kids schon damals fast vorbei.

Man würde meinen, 23 Jahre später sei von Pubertät im Tempodrom nichts zu spüren. Man erwartet gesetzte Frauen, Mitte 40, die brav auf ihren Plätzen sitzen und auf die Kids warten, deren jüngstes Mitglied mittlerweile 41 Jahre alt ist. Weit gefehlt: In der Halle fliegen rote Herzluftballons, es gibt Pappherzen mit der Aufschrift „Jordan ich liebe dich“ und diverse Transparente. Mandy hat „I love Donnie since 25 years“ auf das mitgebrachte Plakat und NKOTB auf ihren Arm geschrieben. Neben Mandy sitzt ihre 13-jährige Tochter Celina, ohne Faninsignien.

Als die Lichter ausgehen, springen Mandy und Celina auf – in fünf Lichtkegeln stehen die Brüder Jordan und Jonathan Knight, Joey McIntyre, Donnie Wahlberg und Danny Wood. Das Tempodrom ist nicht wirklich ausverkauft, der Lärm, den die Frauen machen, ist trotzdem ohrenbetäubend. Zu Beginn kann man deshalb auch nicht genau hören, welchen Song die Band aufführt – die Musik ist aber ohnehin nebensächlich, weil die fünf langsam die T-Shirts hochziehen und ihre Bauchmuskeln präsentieren. Donnie Wahlberg zuckt aufreizend mit den Hüften und fasst sich beherzt in den Schritt. Der glitzernde Totenkopfgürtel wippt aufreizend im Takt, als er „I wanna bone you“ („Ich will dich vögeln“) singt. Spätestens jetzt sind alle Frauen außer Rand und Band – es ist als wäre man bei den Chippendales, nur ohne runtergelassene Hosen.

NKOTB haben den modernen Boygroupwahnsinn quasi erfunden. Das Rezept ist so einfach wie wirkungsvoll: Wichtiger als der Gesang ist es, willigen Mädchen eine Truppe von Charakter-Typen zu präsentieren, also castet man sich die perfekte Mischung: den Bad-Boy, den Kleinen, den Schüchternen, den Ruhigen und den Süßen – einen für jede eben. Außer des fortgeschrittenen Alters hat sich nicht viel verändert. Jordan hat immer noch die zur Tolle auftoupierten Haare von 1991, Donnie den Gangsterstyle mit armfreien Muskel-Shirt und dicker Kette. Als die New Kids ein Bad in der Menge nehmen, wird Joey mit einem rosaroten Tanga beworfen.

Gesungen wird dann auch noch. „Tonight“, das ein bisschen was von den Beatles in der „Lonely Hearts Club Band“ Phase hat. Sie schmachten „Please don’t go Girl“ und dann geben sie einen kleinen Kurs in Boygroupgeschichte, ihrem Erbe: „Back for Good“ von Take That und „I want It That Way“ von den Backstreet-Boys.

Als die New Kids bei ihrem größten Hit „Step by step“ angelangt sind, denkt hier keiner mehr daran, dass es sich um gestandene Männer Mitte 40 handelt, die hier synchron um die Mikrofonständer tanzen. „Gonna get to you gi-i-i-i-i-r-l“ singen die verschwitzten Frauen, sie klatschen, schreien, warten bis Donnie nochmal das T-Shirt hochschiebt und sind wieder mittendrin in der Pubertät. Draußen am Bierstand trinken ein paar Männer ihr letztes Bier und nörgeln, weil keine darauf wartet, dass sie ihren Bauch zeigen.