Klassik-Kritik

Exzentrischer Solist trifft auf ein braves Orchester

Torleif Thedéen debütiert beim DSO in der Philharmonie

Dieser Cellist könnte Kult werden, man muss ihn nur noch entdecken: Torleif Thedéen, den Professor mit dem widerborstigen Weckton, den Künstler mit den unerschöpflichen Klangideen. Im Nu zieht der Schwede das Publikum in Haydns C-Dur-Cellokonzert hinein. Sein Instrument schwillt vor Intensität und Abenteuerlust. Es reibt sich exzentrisch am kompakten Deutschen Symphonie-Orchester Berlin.

In Skandinavien wird Thedéen bereits seit Jahrzehnten als herausragender Solist gehandelt. Hierzulande kennt man ihn eher als einen der vielen Kammermusikpartner von Stargeigerin Janine Jansen. Mit Haydn gibt Thedéen nun sein überfälliges DSO-Debüt. Marcelo Lehninger treibt das Orchester bemerkenswert routiniert durch die Partitur. Der junge Dirigent setzt auf dominante hohe Streicher und zurückhaltende Bässe, pflegt stabile Tempi und konventionelle Artikulation. Mit anderen Worten: Cellist und Orchester bewegen sich in zwei vollkommen verschiedenen Welten.

Als Ersatz für den erkrankten Neeme Järvi übernimmt Marcelo Lehninger auch die geplante „Haffner“-Sinfonie KV 385 von Mozart. Mit hocherhobenem Haupt und durchgedrückter Brust erledigt er seine Pflicht. Es fehlen die originellen Impulse, die tieferen Empfindungen. In das Finale hat Mozart die vielschichtige Bassa Selim-Arie „O, wie will ich triumphieren“ eingepflanzt. Diese Musik schreit geradezu nach operndramatischem Zugriff, nach rhetorischer Schärfe. Doch Lehninger bleibt adrett und geschäftig. Er bindet Bassa Selim eine Schleife ins Haar.

Viel näher scheint ihm dagegen Tschaikowskis Fünfte zu liegen. Das DSO kennt und liebt dieses Werk auf besondere Weise. Es kniet in der Fünften mit weit aufgerissenem Herzen. Schwelgt in kühlen Energien, entlädt spektakuläre Eisgewitter. Man sieht den Musikern an, wenn ihre Lieblingsstellen kommen. Der langsame Satz bietet beste solistische Momente und dichteste künstlerische Reife. Hier wird plötzlich erfahrbar, warum das Orchester dem Nachwuchsdirigenten schon wenige Monate nach seinem DSO-Debüt eine zweite Chance einräumt.

Im Finale steigert Lehninger den Tutti-Druck dann allerdings ins Unerträgliche. Die Blechbläser verbeißen sich in die Streichern, die Holzbläser kratzen und kreischen. Die Tempi jagen zum Schluss in rekordverdächtige Höhen. Keine Gnade für die Kontrabässe an diesem Abend in der Philharmonie – sie müssen sehen, wo sie bleiben, und notfalls dem übrigen Orchester hinterherhetzen. Alles in allem ist es ein ebenso unausgewogenes wie interessantes Konzert.