Graphic Novel

Wie Flüchtlinge in Treibhäusern Obst produzieren

„Menschlicher Tsunami“ – so hatte Silvio Berlusconi im Jahr 2011 die Lampedusa-Flüchtlinge beschimpft.

Die vom damaligen italienischen Premierminister gefürchtete „Welle“ ist nicht bis nach Deutschland geschwappt: Es kamen bis 2012 lediglich 800 Asylbewerber aus Tunesien, Ägypten und Libyen an. Doch künstlerisch hat diese „Naturgewalt“ nun Berlin erreicht: Im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) ist das 200 Kilo schwere Bild „force of nature“ zu sehen, geklebt vom finnischen Comic-Künstler Ville Tietäväinen. Der 43-Jährige ist bis Ende Mai LCB-Stipendiat. Die 4 mal 2,8 Meter große Collage setzte er aus 1485 Panels seiner Graphic Novel „Unsichtbare Hände“ zusammen. Für diesen 216 Seiten starken Band ist Tietäväinen von der Finnischen Kulturstiftung mit dem bedeutendsten Kulturpreis seiner Nation ausgezeichnet worden. „Unsichtbare Hände“ ist nun im Berliner avant-verlag erschienen. Harter Stoff aus einem Land, das seit Jahrzehnten mit den nilpferdähnlichen Mumins von Tove Jansson einen Comic-Exportschlager liefert.

Das Thema „Flüchtlinge“ ist auch in Berlin durch Anschläge auf ein Asylbewerberheim in Hellersdorf, Hungerstreiks am Oranienplatz und Mahnwachen vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aktuell. Es ist so ernst wie das Schicksal von Tietäväinens Protagonisten Rashid düster. In dunklen Tönen beginnt das erste Kapitel. Es handelt von der nächtlichen Bootsfahrt über die wenige Kilometer breite Straßevon Gibraltar zwischen Afrika und Europa, Marokko und Spanien. Das Boot ist voller Flüchtlinge. Sie werden in einem schweren Unwetter vor der Küste ausgesetzt. Diejenigen, die lebend an der spanischen Küste landen – Rashid ist darunter, sein Freund nicht – verdingen sich in der Gewächshaus-Industrie Almerías unter unmenschlichen Bedingungen.

„Es gibt diese Gewächshäuser tatsächlich. Dort wird das Obst und Gemüse produziert, das in europäischen Discountern billig verkauft wird“, sagt Tietäväinen. Am Elend der Flüchtlinge verdienen Unternehmer, Schlepper, Drogenkartelle, korrupte Grenzschützer und Politiker. Und es spart der Kunde. Nun zeigt Tietäväinen die Zusammenhänge in Aquarell und Ölfarben, mit realistischen Szenen und überzeugenden Dialogen, harten Strichen und bedrückender Klarheit.

Fünf Jahre hat Autor Ville Tietäväinen an seinem Buch gearbeitet. Die Idee kam ihm 2001. „Ich war in einem schicken Paris Viertel einem nordafrikanisch aussehenden Mann begegnet, der billige Plastik-Figuren verkaufte. Er trug zerschlissene Kleidung und wurde von einem Ladenbesitzer verjagt. Ich bekam ihn nicht aus meinem Kopf. Welche Hoffnung hatte er? Ich hatte Fragen, aber keine Antworten.“ 2005 liest Tietäväinen die Doktorarbeit des Anthropologen Marko Juntunen, der dieselben Fragen stellt. Er nimmt Kontakt auf. Die Männer reisen ins marokkanische Larache, wo Juntunen einige Jahre gelebt hatte. Wochenlang recherchieren sie dort, danach in Spanien. Auch dieses Material ist im LCB zu sehen, darunter Fotos angeschwemmter Leichen.

Im Jahr 2006 war Tietäväinen zuletzt in Spanien. Sein Buch hat er 2011 abgeschlossen. Aber: „Ich habe das bedrückende Gefühl, dass dieses elende Thema zeitlos ist.“

Ville Tietäväinen: Unsichtbare Hände, avant-verlag, 216 Seiten, 34,95 Euro