Belletristik

Die schwule Liebe, die Brad Pitt nicht haben durfte

Als Wolfgang Petersen vor zehn Jahren „Troja“ verfilmte, hätte man ja gedacht, dass die Welt inzwischen so weit sei.

Immerhin hatte Oliver Stone im selben Jahrin „Alexander“ auch den Geliebten des antiken Eroberers gezeigt. Aber nein, Petersen traute sich das nicht. Brad Pitt musste als Achill gleich mit mehreren Frauen zugleich im Bett liegen, damit auch nur ja kein falscher Verdacht aufkam. Patroklos, sein Gefährte, war hier nur ein „Cousin“. Aber warum schreit dann Achill so, wenn der erschlagen wird? Und warum rächt er sich so grausam rasend an den Trojanern?

Die Antike war da weiter. Die Männerliebe zwischen Achill und Patroklos wird bei Aischylos und Platon offen ausgesprochen. Jetzt gibt es die Liebe der beiden auch als Roman. Dass das Ganze nicht in eine feuchtschwüle softpornographische Ecke abdriftet, dafür garantiert die Autorin: Madeline Miller doziert Latein und Altgriechisch in Cambridge, Massachusetts, und hat zehn Jahre an ihrem ersten Roman geschrieben. „Das Lied des Achill“ überrascht mit einer gewagten Neuinterpretation: Patroklos, aus dessen Perspektive das Buch geschrieben ist, ist hier nicht etwa ein Kampfgefährte an der Seite Achills. Dem Morden verweigert er sich ganz, er wird dafür lange als Feigling angesehen und begleitet Achill in den Krieg um Troja nur, nun ja, aus Liebe halt.

Homer und seine „Ilias“ kann das natürlich nicht ersetzen. Aber Hexameter sind auch nicht jedermanns Sache. Miller gelingt eine packende Psychologisierung ganz ohne Heldenpathos. Ihr „Lied“ ist ein völlig eigenständiges, originelles Werk. Das auch im besten Sinn wieder Lust macht auf die alten Sagen.

Madeline Miller: Das Lied des Achill. Berlin Verlag TB, 380 Seiten, 9,99 Euro.